Viele Hausarztpraxen arbeiten am Limit. Multiprofessionelle Teams sollen helfen. Doch es gibt einige Hindernisse.
Die Lage in den Arztpraxen ist angespannt. Wegen Personalmangels und Überlastung müssen Patienten lange auf Termine warten und auch in den Praxen selbst viel Geduld aufbringen. Hinzu kommt, dass es mehr Patienten gibt, erklärt Martin Wehner, Hausarzt und Facharzt für Allgemeinmedizin aus Lahr. „Es gibt immer mehr Menschen, die immer älter werden, aber auch einen stetig voranschreitenden medizinischen Fortschritt, was einerseits ein Segen ist, andererseits jedoch auch zu einem zunehmenden Versorgungs- und Untersuchungsbedarf führt.“
Mehr Ärzte gehen in Rente, und weniger nachkommende Mediziner möchten im niedergelassenen Bereich arbeiten. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, sei es wichtig, „die Ärzte von ihren Tätigkeiten zu entlasten, sodass sie wieder primär ihrer Hauptaufgabe nachgehen können: der Diagnose und Therapie von Patienten“, sagt Kai Sonntag, Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Baden-Württemberg. Ärzte müssten viele nicht ureigene ärztliche Tätigkeiten ausüben, sagt Wehner und nennt das Verwaltungs-, Dokumentations-, Qualitäts- und Casemanagement. Nachholbedarf gibt es zudem beim Thema Digitalisierung. So hinkt Deutschland im europäischen Vergleich bei Themen wie der elektronischen Patientenakte und dem sogenannten E-Rezept hinterher. „Die Digitalisierung ist ein sehr wichtiger Punkt für die Arbeit und den Betrieb der Arztpraxen, der jedoch noch nicht ganz ausgeschöpft wird“, erklärt Hansjörg Imhof, Leiter des Experten-Centers der AOK Baden-Württemberg. Die Telemedizin, die Kommunikation zwischen Arzt und Patient über digitale Endgeräte, stelle ebenfalls eine Herausforderung für die Praxen dar. Sie könne Ressourcen sparen, indem sie Prozesse verbessere.
„Wir möchten gerne investieren und das Praxispersonal besser bezahlen“, sagt Hausarzt Wehner. Doch es fehlten die Mittel. Es existieren aber Ideen, wie die Lage in den Praxen nachhaltig verbessert werden könnte. „Nichtärztliche Berufe müssen viel stärker in das Praxisgeschehen miteinbezogen und integriert werden“, fordert Kai Sonntag von der KV Baden-Württemberg. So können entsprechend ausgebildete nichtärztliche Praxis- und Arztassistenten (NäPA oder Physician Assitants) bestimmte Aufgaben so gut erledigen wie ein Arzt.
Eine Weiterbildungsmaßnahme für medizinische Fachangestellte ist die Initiative Verah; das steht für Versorgungsassistentin in der Hausarztpraxis. „Primäre Aufgabe einer Verah für Praxen mit vielen Patienten in hausarztzentrierter Versorgung kann zum Beispiel sein, die Patienten zu motivieren, aktiv an Therapiemaßnahmen teilzunehmen“, berichtet Annette Buhrmeister, Krankenschwester und Verah in der Praxis für Allgemeinmedizin von Wehner. „Außerdem soll eine Verah den Hausarzt durch die Übernahme einfacher Untersuchungen und standardisierter Techniken bei der Versorgung der Patienten unterstützen.“ Sie dürfe auch delegierte Hausbesuche durchführen. „Zudem kann sie für das Wundmanagement in einer Praxis verantwortlich sein.“
Das Haupthindernis für die Verwirklichung dieses Modells liegt beim EBM. Der EBM, der Einheitliche Bewertungsmaßstab, stellt das Vergütungssystem für die vertragsärztliche Versorgung dar. Er gibt genau an, wie viel ein Arzt je spezifischer Leistung verdient. „Das nichtärztliche Praxispersonal ist im EBM gar nicht beziehungsweise nur teilweise miteinkalkuliert“, erklärt Sonntag von der KV Baden-Württemberg. „Das bedeutet, dass ein Arzt, sollte er in die Qualifizierung seines Personals investieren, zunächst eine Investition tätigt, von der er nicht weiß, ob sie sich später rentieren wird.“ So gebe es für die Verah zwar einen Zuschlag auf die Behandlungspauschale, ein Physician Assistant werde im EBM jedoch überhaupt nicht berücksichtigt. Sein Studium kostet jedoch rund 14.000 Euro, wie sich der Internetseite der Internationalen Hochschule (IU) entnehmen lässt. Die Kosten einer Verah-Weiterbildung liegen zwischen 2000 und 3000 Euro.
„Für die Vorhaltung einer Verah erhält ein Arzt für jeden chronisch kranken Patienten ausschließlich in der hausarztzentrierten Versorgung zusätzlich zu der sogenannten Chronikerpauschale pro Quartal zusätzlich rund 5 Euro extra“, berichtet Annette Buhrmeister. „Leistungen einer NäPA in der kassenärztlichen Abrechnung sind eigentlich nur über Pauschalen für erbrachte Haus- und Heimbesuche abrechenbar.“ Für einen Physician Assistant gebe es hingegen bislang noch keinen finanziellen Gegenwert. „Ebenso ist sein Aufgabenspektrum undefiniert.“ Ob sich die Investition in ein Physician-Assistant- Studium langfristig trotzdem lohne, sei allein davon abhängig, ob der Arzt und die anderen Praxiskräfte wegen der Entlastung durch ihn erheblich mehr Patienten behandeln könnten, erklärt Sonntag.
Um Anreize für die Ärzte zu schaffen, in Weiterbildungen ihres Personals zu investieren, finanziert zum Beispiel die Krankenkasse AOK 300 Stipendien. Außerdem gibt sie den Praxen zeitlich begrenzte Zuschläge, damit diese durch das Einsetzen eines Physician Assistant wenigstens einen kleinen Gewinnanteil generieren. Viele Ärzte sähen es als unabdingbar, dass Leistungen, die erbracht würden, auch voll abrechenbar seien, auch wenn sie von nichtärztlichem Praxispersonal erbracht würden, sagt Hausarzt Wehner. Sonntag ergänzt: „Künftig wird man sich über die Struktur des EBM Gedanken machen müssen, und zwar inwieweit nichtärztliche Praxismitarbeiter mitberücksichtigt werden und inwieweit angestellte Ärzte im EBM mit eingebunden werden.“ Nach Sonntag müssen im neuen System außerdem Ärzte zunehmend als Führungskräfte fungieren; der unternehmerische Gedanke müsse gestärkt werden. Es brauche diese als Führungskräfte fungierenden Ärzte, denn „nur mit angestellten Ärzten können wir die Versorgung nicht aufrechterhalten“.
An Lösungen wird gearbeitet. So erprobt der Hausärzteverband das HÄPPI-Modell. HÄPPI steht für „Hausärztliches Primärversorgungszentrum – Patientenversorgung Interprofessionell“. Unter der Leitung des Hausarztes soll ein Team aus akademischen und nichtakademischen Fachkräften zusätzliche Aufgaben in der Patientenversorgung übernehmen. Für die Patienten soll eine große zentrale Anlaufstelle geschaffen werden: die Hausarztpraxis. Leider sei derzeit keine rasche Lösung für die drängende Problematik in Sicht, beklagt Wehner. Die Patienten müssen wohl weiterhin lange warten, bis der Arzt kommt.