Wenn der Patient fern bleibt

Die Produkte des Zentrums für Telemedizin retten Leben und lindern den Mangel an Arztpraxen und medizinischen Fachkräften.


Wir wollen Daten reisen lassen, keine Ärzte und Patienten“, sagt Sebastian Dresbach, Geschäftsführer der ZTM Bad Kissingen GmbH. Gegründet wurde das Unternehmen vor elf Jahren im unterfränkischen Bad Kissingen, als der Einsatz digitaler Technologien im Gesundheitswesen, E-Health genannt, noch in den Kinderschuhen steckte. Seitdem ist der Spezialist für Telemedizin, der gut 70 Mitarbeiter beschäftigt, immer stärker gewachsen, wie die Branche insgesamt. „Wir vernetzen Kliniken untereinander, Versorger und Patienten miteinander“, erklärt Dresbach, der rund 20 Jahre im Rettungsdienst tätig war und berufsbegleitend BWL studierte.

Begonnen hat man 2010 mit einer Vereinsgründung. 2013 gründete man parallel zum Verein die GmbH. 2015 kam Asarnusch Rashid als zweiter Geschäftsführer hinzu. Er war zuvor Abteilungsleiter am FZI Forschungszentrum Informatik in Karlsruhe. 2021 wurde zusätzlich eine Stiftung gegründet. Das Unternehmen entwickelt Softwarelösungen. „Wir unterstützen alle Berufsgruppen im medizinischen Bereich, von Ärzten und Pflegekräften bis hin zu Physiotherapeuten“, sagt Dresbach. Das Digitale Notfallmanagement „NIDAklinik“ mache einen großen Teil des Tätigkeitsfeldes aus. Es vernetzt Rettungsdienste mit Kliniken. „Fast 70 Prozent aller Universitätskliniken haben unsere Systeme im Einsatz.“

In Deutschland gibt es mehrere Anbieter für mobile Dokumentationssysteme, verbaut in Tablets, die im Rettungsdienst eingesetzt werden. Erfasst werden alle grundlegenden Daten des Patienten, also EKG, Fotos, Patientenstammdaten und das Notarzt- und Rettungsdienstprotokoll. Beim Eintreffen des Rettungswagens in der Klinik müssen diese Daten gescannt und ausgedruckt werden. Der Arzt kann sich erst dann einen Überblick über den Zustand des eintreffenden Patienten machen. „Jede Minute, die da verloren geht, zerstört Herzmuskel- oder Nervengewebe“, betont Dresbach.

Mit NIDAklinik empfängt die Klinik die Informationen vorab und kann sich auf den Patienten vorbereiten. Monatlich liefen rund 150.000 Einsätze über die Software. Die Nettopreise beginnen laut Dresbach bei 15.000 Euro. „Wenn das EKG vorab aus dem Fahrzeug in die Klinik kommt, ermöglicht das eine schnellere und bedarfsgerechte Behandlung, was Leben retten kann.“ Die Sterbequote lasse sich damit um bis zu 53 Prozent reduzieren, die innerklinischen Prozesse durch gezielte Ressourcenplanung um rund die Hälfte. Im Bereich der Vernetzung von Rettungsdiensten und Kliniken sei das Unternehmen mit über 400 angebundenen Kliniken in Deutschland Marktführer.

Das ZTM bedient auch Nischenmärkte. Ein Beispiel ist der „MIA-Rucksack“, der für Arztpraxen entwickelt worden ist. Auf diesem Gebiet sei die GmbH alleiniger Anbieter, da sich Konzerne aus diesem anstrengenden Markt zurückgezogen hätten. Ausgestattet mit modernster Medizintechnik und einem Tablet ermöglicht dieser Rucksack medizinischen Fachangestellten die alleinige Durchführung von Hausbesuchen mit einer direkten Verbindung zum Hausarzt. Damit soll eine bedarfsgerechte Versorgung gerade auch im ländlichen Raum sichergestellt werden. Der Preis des Rucksacks beginnt bei 3500 Euro.

„Wir haben dieses Pilotprojekt des MIA-Rucksacks von Anfang an begleitet“, sagt Michael Wehner, Geschäftsführer der Seniorenwohnheim am Saaleufer GmbH aus Bad Bocklet. „Durch die Übermittlung von Vitalwerten und EKG-Daten kann sich der behandelnde Arzt schnell ein Bild über den Zustand des Patienten machen und entscheiden, ob ein Notfall vorliegt“, erklärt Wehner. „Wir nutzen den MIA-Rucksack sowohl im Seniorenheim als auch im ambulanten Bereich, um die medizinische Versorgung in Zukunft sicherzustellen und Ressourcen zu schonen.“

Ein weiteres Produkt ist die E-Health-Plattform „Curafida“. Sie dient mit mehr als dreißig integrierten Systemen als elektronische Patientenakte. Verschiedene Module ermöglichen Ärzten zum Beispiel die Televisite mit Patienten, die langfristige Speicherung von Patientendaten und erleichtern die Zusammenarbeit mit fachspezifischen Kollegen.

Das Produkt „Copilot“ erkennt über Sensoren, ob ein bestimmter Bereich des Raumes über einen unüblich langen Zeitraum inaktiv war und ein Sturz stattgefunden haben könnte. Dann bekommen Angehörige oder Pflegekräfte eine Mitteilung der Funkstelle. Es kann auch ein Notruf abgesetzt werden. Dieses System ist mittlerweile in gut 900 Wohnungen, auch in Pflegeheimen, installiert.

Mit „VirtualNoPain“ hat man in Zusammenarbeit mit dem Universitätsklinikum Würzburg und der VTplus GmbH ein Produkt zur Angsttherapie entwickelt. Der Patient erhält eine virtuelle Brille. „Wir können ihn auf einen Turm laufen lassen, wenn er Höhenangst hat, wir können ihn vor Gruppen reden lassen, wir können auch Spinnen im Raum laufen lassen, um seine Ängste zu überwinden“, erklärt Dresbach. ZTM steht insgesamt in enger Verbindung mit der Universität Würzburg, die E-Health fest in das Medizinstudium integriert hat.

Vertreter von Hochschulen, Universitäten und Medizintechnikunternehmen bilden den Vorstand und Beirat des Zentrums für Telemedizin e.V.; dieser setzt sich für die Verbreitung der Telemedizin ein. Verein und GmbH sind klar voneinander getrennt, insbesondere finanziell. Die Finanzierung des Vereins erfolgt hauptsächlich über den Freistaat Bayern und den Landkreis Bad Kissingen. „Der Freistaat fördert den Verein zu 90 Prozent der Gesamtkosten im Jahr. Das sind rund 550.000 bis 650.000 Euro pro Jahr“, sagt Dresbach. Im vergangenen Jahr habe die GmbH gut 5 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftet. Das Unternehmen ist auch in der Schweiz und Österreich tätig. „Und vor kurzem haben wir die erste niederländische Klinik ausgestattet.“

Am Hauptsitz beherbergt das Unternehmen ein besonderes Projekt: „Dein Haus 4.0“. „Das Penthouse ist eine Musterwohnung rund um das Thema länger zu Hause leben“, erklärt Dresbach. Es gibt Sensoren im Fußboden und seniorengerechtes Geschirr, beispielsweise einen Suppenteller mit gewölbtem Boden, der verhindert, dass Menschen den Teller kippen müssen. Weil Demenz eine Gefahr beim Kochen darstellt, erkennt der Herd, wenn sich vor ihm nichts mehr bewegt und das Essen anfängt zu köcheln oder zu verbrennen – und schaltet sich automatisch ab.


Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.09.2024, Nr. 207, S. 20 - Sophie Dietz, Johann-Philipp-von-Schönborn-Gymnasium, Münnerstadt

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