Wo Tänzerinnen der Schuh drückt

Mit Schuhen aus dem Drucker will Act’ble Ballerinas das Leben erleichtern


Wurden Balletttänzerinnen ganz früher mithilfe von Seilen angehoben, um den Eindruck des Schwebens zu erwecken, tanzen sie seit dem 19. Jahrhundert auf Spitze. Die wenige Quadratzentimeter kleine Spitze, die auch Toe Box genannt wird, besteht aus fest miteinander verklebten Stoff- und Papierschichten. Die Innensohle wird aus steifen Materialien, zum Beispiel Leder, Kunstharz, Karton oder verklebten Stoffschichten, gefertigt. Das Tanzen auf den Zehen ist schmerzhaft und der Verschleiß der Schuhe immens. Rund 150 Paar vertanzt eine Profiballerina je Saison, manchmal mehrere an einem Abend. Bei jedem neuen Paar müssen die Tänzerinnen die langen Satinbänder annähen und die Sohle durch Biegen geschmeidiger machen.

Die Act’ble GmbH aus Karlsruhe will ihnen das Leben erleichtern: Sie vertreibt Spitzenschuhe aus dem 3-D-Drucker, die den Schmerz reduzieren und deutlich länger nutzbar sein sollen. „Wir wollten, dass die Schuhe ready to wear sind“, sagt die Geschäftsführerin Sophia Lindner.

Die Idee, Komponenten des Spitzenschuhs mit dem 3-D-Drucker herzustellen, hatten schon andere. So wurde Felicia Hamm, damals Industriedesign-Studentin in Darmstadt, 2018 für ihre Designinnovation Pointeeshoe mit dem James-Dyson-Award ausgezeichnet. Sophia Lindner, selbst passionierte Hobbyballetttänzerin, konzipierte ihren Schuh 2018 im Rahmen einer Bachelorarbeit. 2021 gründete sie die Act’ble GmbH und meldete 2022 ein Patent für die Sohle aus dem 3-D-Drucker an. 2023 ist das Unternehmen mit dem „Act’Pointe“ auf den Markt gegangen. Nach eigenen Angaben sind bisher mehrere Hundert Paar verkauft worden.

Die Schuhe sind modular aufgebaut, sie können individuell konfiguriert und die Teile einzeln ausgetauscht werden. Für die im 3-D-Drucker gefertigte Sohle wird Schicht für Schicht Pulver aufgetragen und mit einem Laser verschmolzen. Das Pulver besteht aus Thermoplastischem Polyurethan. Da die Sohle aus nur einem Rohstoff besteht, kann sie wieder eingeschmolzen werden und hieraus ein völlig neues Produkt entstehen. „Die Sohle muss flexibel in die eine Richtung und zugleich stabil in die andere sein“, erklärt Lindner. Deshalb besitzt sie an der Außenseite spezielle Kerben, die das Auf- und Abrollen auf die Spitze erleichtern. Innovativ ist auch die Toe Box, die die Tänzerinnen mithilfe eines Tapes in der Breite einstellen können.

Der langwierige Prozess des Sohlendrucks ist für den hohen Preis der Schuhe verantwortlich. Ein Paar kostet 220 Euro. Herkömmliche Spitzenschuhe werden zu etwa 80 bis 90 Euro verkauft. Jedoch hielten die Act’Pointes dank fortschrittlicher Materialien und einer einzigartigen Geometrie bis zu fünfmal länger als herkömmliche Spitzenschuhe, sagt Lindner.

Ein weiterer Bestandteil ist die „Act’Skin“, die den Schuh umgibt. Sie wird aus Merinowolle, Polyester und Grilon 3-D-gestrickt. „Die Skin kommt aus der Strickmaschine in der Form heraus, in der sie dann verarbeitet werden soll“, erklärt die Geschäftsführerin. Dadurch gebe es kaum Verschnitt. Die verschiedenen Kompressionszonen der Act’Skin bewirken, dass die Druckbelastung auf die Zehen reduziert wird.

Die rosafarbenen Satinbänder, die um die unteren Schienbeine gewickelt werden, sind bei den Act’Pointes eigentlich nicht mehr nötig. „Wir haben aber gemerkt, dass die Bänder aus ästhetischen Gesichtspunkten so wichtig für die Tänzerinnen sind, dass wir angefangen haben, auch wieder Bänder herzustellen“, erzählt Lindner. Man könne sie von außen an die Sohle „anklicken“.

Hergestellt wird der Spitzenschuh in Europa, die Act’Skin in Portugal, die Sohle bei HP in Barcelona. In Karlsruhe beschäftigt das junge Unternehmen laut Lindner zurzeit vier Mitarbeiter. Darüber hinaus besteht eine Zusammenarbeit mit einem Profitänzer und einer Ballerina.

Anastasiya Didenko aus dem Ensemble des Karlsruher Balletts hat schon in den Spitzenschuhen getanzt: „Natürlich fühlen sich die Act’Pointes an den Füßen etwas seltsam an, da sie aus Kunststoff hergestellt sind. Aber sie sind wirklich bequem und verursachen keine Schmerzen.“ Trotzdem werde es wohl noch Zeit brauchen, bis sie sich auch auf der Bühne durchsetzten. „Sie sehen einfach nicht aus wie normale Spitzenschuhe.“ Act’ble bietet „Fittings“ an: An ihren Wohnorten, zum Beispiel in Florenz, London, Köln, Porto und Amsterdam, ermöglichen Tänzerinnen Kunden, die Schuhe anzuprobieren. Man habe schon die Tänzerinnen des Leipziger Balletts und des Dutch National Ballet „gefitted“, sagt Lindner. 

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.08.2024, Nr. 177, S. 20 - Eva Engbers, Wittelsbacher-Gymnasium, München

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