Auch in Krisenzeiten ist das ein todsicheres Geschäft

Goetz Trauerwaren verkauft Decken und Kissen für Särge – und beobachtet einen Wandel im Konsumverhalten

Das Regensburger Traditionsunternehmen Goetz Trauerwaren hält sich schon seit vielen Jahren in einer Branche ohne große Veränderungen über Wasser. Das Unternehmen Leonhard Goetz Nachf., 1849 gegründet, nahm 1891 mit der Spezialisierung auf Trauerwaren seine heutige Form an. Es zählt zu den ältesten noch aktiven Trauerwarenfabriken Deutschlands. Mit Blick auf den Marktanteil liege man in Deutschland auf dem vierten Platz. Insgesamt gibt es aber nur noch vier bis fünf weitere Hersteller, die im Inland produzieren.


Inhaber Florian Söllner führt das Unternehmen seit 2020 als Quereinsteiger aus dem IT-Bereich. Er entschied sich bewusst für ein handwerklich geprägtes Umfeld mit Bestand: „Gestorben wird immer“, sagt er lakonisch. Produziert wird vollständig in Deutschland. Während viele Mitbewerber auf Billigimporte aus Fernost setzten, setzt Söllner bewusst auf Qualität, Flexibilität und Handarbeit. „Natürlich kann man eine Urne aus China für 3,50 Euro kaufen; aber das merkt man eben auch“, sagt er. „Hier sitzt niemand im Container. Hier sitzen Menschen mit Erfahrung.“


Vor allem textile Trauerwaren, also Decken und Kissen, die in Särge gelegt werden, um die Verstorbenen auf ihrem letzten Weg zu begleiten, gehören zum Sortiment. Vier Näherinnen fertigen sie in Handarbeit. Ergänzt wird das Angebot durch zugekaufte Urnen und Friedhofstechnik. 2024 verkaufte man laut Söllner rund 28.000 Sargausstattungen und etwa 3800 Urnen. Man verkaufe an Bestatter, Krankenhäuser und Kommunen. Einzelne Produkte werden auch in das europäische Ausland geliefert, etwa Kinnstützen nach Luxemburg. Aufgrund unterschiedlicher Bestattungstraditionen sei der Export jedoch die Ausnahme.


Die Nachfrage sei stabil, aber nicht wachsend; und ein sich ständig wandelndes Konsumverhalten treffe selbst diese Branche. So werde immer mehr auf Feuer- statt Erdbestattung gesetzt, nicht nur aus Kostengründen, sondern auch wegen der Mobilität der Angehörigen. Oft leben diese nicht mehr in der Heimat oder brauchen länger, um die Beerdigung zu organisieren. Alternative Formen wie Friedwald- oder Seebestattungen seien ebenfalls auf dem Vormarsch.


Daneben beobachtet Söllner eine zunehmende Offenheit im gesellschaftlichen Umgang mit dem Tod. Junge Bestatter führten ihre Betriebe mit neuen Ansätzen, es gebe Infoabende und Formate zur Selbstvorsorge. Auch in den sozialen Medien sei das Thema längst präsent. „Es gibt heute mehr Aufklärung und direkte Kommunikation, etwa über Leichenschauen, Abschiedsrituale oder Trauerbegleitung.“ Sogar Messen würden öfter besucht, mit dem Ziel, die eigene Bestattung bewusster zu planen oder Angehörige zu entlasten.


Der Umsatz von Goetz Trauerwaren ist seit Jahren relativ stabil und bewegt sich zwischen 1,8 und 2 Millionen Euro im Jahr, wie der Geschäftsführer berichtet. Das sei solide, das Steigerungspotenzial aber begrenzt, denn immer mehr Angehörige verzichten auf textile Ausstattung. „Viele sagen: ‚Man sieht es ja eh nicht mehr‘.“ Selbst Decken aus Flachs ließen sich kaum verkaufen. Dabei seien sie handgefertigt, regional produziert und besonders umweltfreundlich. „Aber für 90 Euro will sie dann niemand.“


Der evangelische Pfarrer Traugott Stein aus Daubringen begleitet regelmäßig Beerdigungen und erlebt, wie ökonomische Abwägungen auch emotionale Dimensionen berühren: „Minimalistische Beerdigungen wirken manchmal wie: Hauptsache vorbei. Da geht etwas verloren, vor allem die gemeinsame Erinnerung und Würdigung.“ In einer individuell gestalteten Ausstattung sieht Stein einen Wert, der sich nicht immer in Zahlen ausdrücken lasse. „Die Ausstattung macht etwas mit den Menschen. Man will dem Verstorbenen noch etwas Gutes tun.“ Söllner sieht die Balance zwischen wirtschaftlicher Realität und dem Wunsch nach Menschlichkeit als Spagat. Auf der einen Seite müssten Produkte effizient gefertigt und kalkuliert werden, auf der anderen Seite wolle man weiterhin auf Sonderwünsche eingehen und Qualität liefern.


Es dürften auch mal Fehler passieren, sagt Söllner. Er erinnert sich an eine Bestellung von Sargeinstreumittel, aus Versehen in dreifacher Jahresmenge. „War ärgerlich, aber haltbar. Wir mussten erstmal lange nichts nachbestellen.“ Acht Mitarbeiter beschäftigt Goetz Trauerwaren. Söllner sagt: „Ich will, dass meine Mitarbeitenden bis zur Rente bleiben.“ Die größte Herausforderung bleibe der Nachwuchs. Die traditionelle Tätigkeit im Nähsaal schrecke ab. „Die jungen Leute wollen lieber etwas für Lebende tun.“ Auch deshalb denkt er über neue Formen der Arbeitsorganisation und mehr Flexibilität nach. 

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 3. Juli 2025, Nr. 151, S. 20 - Nele Zeh, Landgraf-Ludwigs-Gymnasium, Gießen

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