Bienen kommen in(s) Schwärmen

Mit den Boxen der Stadtbienen gGmbH kann man auch im urbanen Raum Bienen halten. Dem Unternehmen geht es um viel mehr als die Produktion von Honig.

Die Nahrungsräume der Honigbienen schrumpfen stark, betont der freiberufliche Insektenforscher Rolf Witt aus Edewecht. Die Stadtbienen gGmbH aus Berlin gibt Städtern die Möglichkeit, Honigbienen ein Zuhause zu geben. Die „Bienenbox“ ist laut Geschäftsführer Martin Stelter ein „einzigartiges Produkt“; es wurde für die urbane Umgebung konzipiert. Alles begann 2012 in Berlin auf einem WG-Balkon. Johannes Weber, Ingenieur, Bienenfreund und später Gründer der Stadtbienen gGmbH, suchte nach einer Möglichkeit, Bienen in der Stadt zu halten, in einem begrenzten Raum, ohne den großen Aufwand, den traditionelle Bienenstöcke erfordern. Das führte 2013 zur Bienenbox, einer kompakten Bienenbehausung.


Seit der Gründung 2014 habe sich das Unternehmen von einer kleinen Initiative zu einer wichtigen Kraft im Bereich der ökologischen Bienenhaltung entwickelt; etwa 2200 Bienenboxen seien bis Ende 2024 aufgebaut worden, und ihre Anzahl steige stetig, sagt Stelter. Gut 20 Angestellte und mehr als 70 Freiberufler arbeiten daran, Bienenwissen zu verbreiten und die Bedeutung der Bestäubung durch Bienen ins Bewusstsein zu rufen.


„Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, den Menschen zu zeigen, dass Bienenhaltung mehr ist als nur Honigproduktion“, sagt Stelter. Im Sinne der ökologischen Bienenhaltung würden nur Überschüsse geerntet. Dennoch sei es möglich, eine beachtliche Menge Honig zu ernten. „In einer optimalen Umgebung mit wenigen anderen Bienenvölkern lassen sich aus der Bienenbox einige Kilogramm Honig gewinnen.“


Produziert werden die Boxen in Zusammenarbeit mit den Berliner Werkstätten für Menschen mit Behinderung. Sie sei mit den Maßen von 107 mal 37 mal 43 Zentimeter und einem Gewicht von rund 20 Kilogramm gerade mal so groß wie ein großer Koffer. Sie könne flexibel auf Balkonen, Dächern oder im Garten platziert werden und biete durch ein optionales Sichtfenster einen Blick aufs Bienenvolk. Erhältlich ist sie ab 379 Euro. Es sei wichtig, die Nachbarn und den Hauseigentümer einzubinden, sagt Stelter. Denn vor dem Bienenstock lägen gelegentlich tote Bienen, die altersbedingt verendet seien, auch könnten einzelne Bienen vom Balkon in den Garten des Nachbarn fallen. Obwohl ursprünglich für Balkone gedacht, habe sich die Zielgruppe im Laufe der Jahre verschoben, berichtet Stelter. Der eigene Garten rücke zunehmend in den Fokus, weil sich eher Menschen mit einem Garten für die Imkerei entschieden.


Johannes Weber hat in einem Blogartikel „Bienen sterben. Oder nicht?“ aufgezeigt, dass intensive Landwirtschaft und der Einsatz von Pestiziden den Lebensraum vieler Bienenarten zerstörten. Monokulturen trügen zusätzlich zum kontinuierlichen Rückgang artenreicher Flächen bei. Dabei habe die Stadt lange als attraktiver Rückzugsort für Insekten gegolten und werde aktuell noch als Hotspot der Biodiversität bezeichnet, der jedoch durch zunehmende Versiegelung und Verdichtung von Flächen bedroht werde. „Eine Studie aus Gotland gibt Aufschluss darüber, dass innerhalb von nur einem Jahr circa 76 Prozent aller Honigbienenvölker tot wären, würden alle Imker und Imkerinnen ihr Handwerk niederlegen“, berichtet Weber.


„Die Bienenhaltung in der Stadt ist eine tolle Möglichkeit. Man muss nicht unbedingt einen Standort in der Feldflur haben“, sagt Hobbyimker Markus Freckmann aus Duderstadt. Die vielfältige Blütenpracht im urbanen Raum ist seiner Meinung nach sogar größer als auf dem Land. Maßnahmen wie die Bienenbox seien „sehr wichtig“, um das Überleben der Bienen in der Stadt zu sichern.


Die Bienenbox sei nicht das einzige Produkt auf dem Markt, das sich an Menschen richte, die Bienen halten und gleichzeitig etwas für die Natur tun möchten, berichtet Stelter. Die Bienenbox unterscheide sich durch ihren Fokus auf eine einfache Handhabung und die Ausrichtung auf Einsteiger. In den Schulungen, die das Unternehmen anbietet, legt man ebenfalls großen Wert auf Einfachheit. „Wir bilden direkt an der Bienenbox aus, kombinieren das Ganze aber mit digitalen Angeboten.“


Nach Angaben der Stadtbienen gGmbH ist die ökologische Bienenhaltung im städtischen Raum in den vergangenen Jahren zu einem stabilen Trend geworden. Immer mehr Menschen beschäftigten sich intensiv mit der Haltung von Honigbienen. Nach Erhebungen des Bundeslandwirtschaftsministeriums sind 2023 in Deutschland rund eine Million Bienenvölker gehalten worden, 45 Prozent mehr als 2010.


2023 habe das Betriebsvolumen des Unternehmens, bestehend aus Spenden, Fördergeld und Umsatz, etwa 1,3 Millionen Euro betragen. Rund 20 Prozent stammten aus Spenden und Fördergeld. Nach dem Wirkungsbericht wurde das Betriebsvolumen im Vergleich zu 2022 um 17 Prozent gesteigert; für 2024 erwartet man ein weiteres Wachstum auf etwa 1,4 Millionen Euro.


Ein Bildungsangebot heißt „Bienen im Unternehmen“. Es gelte als das führende ökologische Bienenprojekt in Deutschland, Österreich und der Schweiz und stärke das Umweltbewusstsein in Unternehmen, sagt Stelter. Auf Firmengeländen werden Bienenvölker aufgestellt, die von den Stadtbienen-Imkern betreut werden. Durch den Austausch mit den Mitarbeitern entstehe ein Bewusstsein für ökologische Zusammenhänge. „Wissenshäppchen“ in Form von Onlineformaten, Newslettern und Schnupperkursen sensibilisierten die Belegschaft für Nachhaltigkeitsthemen. Auch werde der Unternehmensstandort aufgewertet und die Motivation der Belegschaft gefördert.


An mehr als 30 Standorten im deutschsprachigen Raum sind Stadtbienen-Imker aktiv. Sie leiten Kurse, betreuen Unternehmensbienen und bringen in verschiedenen Projekten Menschen und Bienen zusammen. Aktuell betreut Stadtbienen 172 Bienenprojekte mit rund 14,5 Millionen Bienen. 

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 3. Juli 2025, Nr. 151, S. 20 - Gracia Patricia, Prinz Eichsfeld-Gymnasium, Duderstadt

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