Das Auge isst nicht mit

Warum ein Verein ein Dunkelrestaurant betreibt


Im Dunkelrestaurant „Aussicht“ in Stuttgart sind die Rollen vertauscht. Dort bedienen blinde und sehbehinderte Menschen Gäste, die sehen können – sie sind  diejenigen, die sich auskennen. Ein gutes Arbeitsumfeld für sie zu schaffen, ist dem Esslinger Verein Aussicht wichtig; er betreibt das Restaurant und setzt sich für die Inklusion sehbehinderter und blinder Menschen ein. Man schaffe etwa 20 Arbeitsplätze,  sagt   Vereinsvorsitzende Sabine Bühl. 


„Wir wollen, dass die Menschen, die gut sehen, Kontakt zu Nichtsehenden bekommen, damit sie sich in unsere Welt einfühlen können“, sagt Florian Günther, der dem Verein ebenfalls vorsitzt. Man bietet auch „Aussichtsmobil“ an; in dem „Sensibilisierungsprojekt ohne Lichteinflüsse“ tragen Kinder und Jugendliche  Simulationsbrillen und lernen etwa, wie man mit einem Langstock geht. Der Verein hat gut 50 Mitglieder. Sie sind vollblind wie Günther oder seheingeschränkt wie Bühl.


 2004 eröffnete man in Esslingen ein Dunkelrestaurant, inzwischen findet es in Zusammenarbeit mit der Gastronomie Rosenau dreimal im Monat in Stuttgart  statt. Es sei ein „original Dunkelrestaurant; das heißt, bei uns bedienen nur Menschen mit Sehbehinderung oder eben blinde Menschen“ , berichtet Bühl. In Deutschland gibt es nach Angaben von Dunkelrestaurant.info 30 bis 40 Orte, die „Dinner in the Dark“ anbieten.  „Es gibt auch konventionelle Restaurants, die es darauf abgesehen haben, möglichst viel Profit zu machen. Die mit Nachtsichtgeräten arbeiten, damit die Kellner sehen können“, erklärt Bühl.


„Bei uns sind es maximal 14 Gäste, die ein Kellner bedient. In anderen Dunkelrestaurants sind es über 20. Dann bleibt keine Zeit, um sich mit den Gästen auszutauschen“, betont Bühl. Eine weitere Besonderheit des „Aussicht“ ist laut Günther, dass es ein Verein ins Leben gerufen habe.


 Man nehme Geschirr und Dekoration von der Rosenau, sagt Günther. „Und was im Hellen kaputtgeht, kostet das Gleiche wie das, was im Dunkeln kaputtgeht. Wobei im Dunkeln nicht mehr kaputtgeht als im Hellen.“ Im Vergleich zu anderen Restaurants fallen aber Kosten für die Verdunkelung an.  


Mit dem Dunkelrestaurant erzielt man nach eigenen Angaben  jährlich mehr als 200.000 Euro Umsatz. Davon bezahle man Personalkosten, die höher seien als in der normalen Gastronomie, und das Musikprogramm.  „Wir sind relativ personalintensiv, weil wir ja wollen, dass eine Kommunikation stattfindet.“ Zudem braucht es einige   Vorbereitung, weil der Raum  verdunkelt wird.


In der Dunkelheit in die Musik einzutauchen, ermögliche eine andere Art der Wahrnehmung, sagt Kundin Veronika Hildebrand. Ungewohnt sei, mit Leuten am Tisch zu sitzen, die man nicht sehe, berichtet sie weiter. „Du weißt gar nicht, ob die Person dich jetzt anspricht oder nicht.“ Man müsse lernen, anders zu kommunizieren. Kundin Johanna Börner sagt: „Ich war total überrascht, wie gut man sich doch zurechtgefunden hat.“ So habe man hören können, welcher Kellner gerade an einem vorbeigegangen sei. Sie lobt deren „freundliche und offene Art“. Sie konnte ihnen auch Fragen stellen, etwa zu ihrem Alltag.


Der Restaurantbesuch kostet 89 Euro je Person für Essen, Getränke und Musik. Für die Getränke bekommt man einen Beutel mit 15 Euro.  Die Kellner erklären, wie Münzen im Dunkeln zu unterscheiden sind, nämlich am Rand und in der Größe. Man werde oft weiterempfohlen. Das würde Johanna Börner auch tun. Stammgäste gebe es nicht, aber Wiederholungstäter, sagt  Sabine Bühl. 

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 21. März 2025 , Nr. 68, S. 22 - Luzie Geier, Gymnasium Neckartenzlingen

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