Münchens letzte Schäffler: In der Stadt des Oktoberfests stellt die Wilhelm Schmid Fassfabrik traditionelle Holzfässer her.
Corona sei Fluch und Segen zugleich gewesen, sagt Peter Schmid, Geschäftsführer der Wilhelm Schmid Fassfabrik GmbH aus München. Das Familienunternehmen produziert seit 1914 Holzfässer, vor allem stellt es Bierfässer her und repariert sie. In München, der Stadt der großen Brauereien und des Oktoberfests, ist die Fassfabrik die einzige Fabrik, die noch Bierfässer aus Holz herstellt, wie Schmid berichtet. Sein Unternehmen sei ein „Nischenunternehmen in der Nische“. Die Nische sei die Fassherstellung und die besondere Nische die Bierfassproduktion. In ganz Bayern gebe es nur noch fünf Betriebe, in denen die Schäffler – so nennt man dort die Fassbinder – ihr Handwerk ausübten und auch ausbildeten. In anderen Teilen Deutschlands spricht man auch von Böttchern, Büttnern, Küfern oder Fasslern.
Das Unternehmen schaffte es, 2021 während der Coronakrise seinen zweiten Standort in Freiham im Westen von München zu eröffnen, wo inzwischen die Produktion stattfindet. Ohne die Krise wäre ein solch aufwendiger Umzug nicht möglich gewesen, betont Schmid. Und ein Neubau am vorhandenen Standort hätte eine Betriebsschließung von einem Jahr bedeutet, weswegen die Gelegenheit, den zweiten Standort günstig zu pachten, sehr passend gewesen sei. Eine Lösung war überfällig, da auf dem 7000 Quadratmeter großen Grundstück im Münchner Stadtteil Laim Platzmangel herrschte; dort wurden ursprünglich nur Fässer gehandelt, aber nicht produziert.
Die Fassfabrik wird in vierter Generation von Peter Schmid geleitet. „Bereits als Schüler habe ich immer wieder im Betrieb ausgeholfen“, erzählt er. Und so folgte nach der Meisterprüfung zum Schäffler das Studium zum Betriebswirt. Seit 2019 leiten er und sein 67 Jahre alter Vater Wilhelm das Unternehmen gemeinsam.
Die Herstellung eines Fasses umfasst mindestens dreißig Arbeitsschritte, bevor die beiden Böden und die Dauben – das sind die Längshölzer – vom Fassreifen zusammengehalten werden. Die Fässer bestehen aus Eichenholz, das im Winter geschlagen wird, da es in dieser Zeit am wenigsten Wasser enthält. Nach einer mehrjährigen Trocknung kann es dann losgehen. Die Dauben werden geschnitten, gehobelt und abgerichtet, dann in einen Eisenreifen eingepasst und aufgestellt. Anschließend erfolgt die Biegung der Dauben mit Feuer und Wasser, und das Fass wird mit weiteren Eisenreifen stabilisiert.
Zuletzt werden die Bierfässer „gepicht“: Sie werden mit Baumharz oder Durolit ausgekleidet, damit sie eine leicht zu reinigende Oberfläche bekommen und das Bier nicht den Geschmack des Fasses annimmt. Bei Wein- oder Schnapsfässern lässt man diesen Schritt weg, damit die Holzinhaltsstoffe auf den Inhalt übergehen.
Ursprünglicher Zweck der Fassfabrik war der Handel mit Fässern, die natürlich auch ausgebessert werden mussten; dabei war das Wissen der Fassmacherei ebenfalls unentbehrlich. In den Fünfzigerjahren gab es dann den Trend der Brauereien zum Aluminiumfass, was den Großvater von Peter Schmid bewog, die großen Lagerfässer der Brauereien aufzukaufen und diese in Weinfässer umzuwidmen. Dieses Geschäftsmodell war sehr erfolgreich. 1987 stirbt der Großvater, und Wilhelm Schmid übernimmt den Betrieb, der sich in der Folgezeit wieder mehr auf das Bierfass konzentriert. Um das Jahr 2000 habe man bei vielen Brauereien den Schritt zurück zum traditionellen Holzfass erlebt. Und man stellte diese wieder her, jährlich rund 1000 Stück in allen Größen.
Das Unternehmen verkauft fast nur an andere Betriebe und erzielt laut Schmid einen Umsatz im niedrigeren siebenstelligen Bereich. In den vergangenen Jahren habe man, abgesehen von den Corona-Jahren, ein stetiges leichtes Wachstum erzielt, das aber 2022 und 2023 wegen der starken Preiserhöhungen am Rohstoffmarkt etwas niedriger ausgefallen sei. Die Schmids beschäftigen acht Angestellte. Auch „Wachhund“ Balu gehört zum Team.
In der Produktion kommen 45 Maschinen und Anlagen mit Starkstromanschluss zum Einsatz. Dieser Maschinenpark wurde stark erweitert, man hat ältere Maschinen gekauft, umgerüstet und modernisiert und moderne Maschinen angeschafft. Um die Produktionsphasen zu optimieren, stehen nicht nur Standard-Schreinermaschinen bereit, sondern auch Spezialmaschinen für Sonderanfertigungen.
In Laim werden seit 2021 nur noch ältere Fässer repariert, damit sie 15 bis 20 Jahre verwendet werden können. Jährlich repariert man rund 500 Fässer; es werden etwa 2000 bis 3000 Fässer gepicht. Es stehen auch Fässer für den Versand in die USA bereit. Dort verbreitet sich gerade der Trend des „German Biergarden“. Im Unterschied zu Deutschland werden in den USA jedoch 30-Liter-Fässer als Schankfässer verwendet, und die 100-Liter-Fässer, die hierzulande als Schankfässer genutzt werden, zur Lagerung. Die meisten Kunden sind allerdings im deutschsprachigen Raum angesiedelt. Stammkunden und Hauptabnehmer sind in und um München Augustiner-Bräu und die Paulaner Brauerei sowie viele kleinere Brauereien.
Teil des Geschäfts ist der Handel mit Blech- und Kunststofffässern. Außerdem bekommen alte Fässer ein neues Leben, indem sie zu Dekoartikeln oder Möbeln umgebaut werden – zu Stehtischen wie man sie oft in Biergärten findet, Blumentöpfen und Wasserfässern für den Garten.