Der Golfer und sein Handicap

Der querschnittsgelähmte Christian Nachtwey hat ein besonderes Gefährt für den Behindertensport entwickelt.


Die Powerbasetec GmbH aus Gieboldehausen im Eichsfeld produziert unter dem Namen „Paramotion“ Ele­k­trorollstühle zum Golfspielen, die sowohl geländefähig sind als auch eine elektrische Aufstehhilfe bieten. Die Idee entstand nach dem Unfall des Gründers Christian Nachtwey 1997, der seitdem querschnittsgelähmt ist. „Erst habe ich mich damit abgefunden, kein Golf mehr zu spielen“, erzählt Nachtwey. Doch dann baute der passionierte Hobbygolfer und gelernte Tischler  in seiner Werkstatt nach einigem Experimentieren einen Rollstuhl mit Aufrichtfunktion.


Im Jahr 2002 gründete Nachtwey sein Unternehmen. Es habe aber eine ganze Weile gedauert, bis der erste Paramotion über den Golfplatz gefahren sei. „Die ersten 25 bis 30 Geräte habe ich allein gebaut“, erinnert sich Nachtwey, „bis dann eine Aushilfe und Mitarbeiter dazukamen und irgendwann natürlich auch die Söhne.“ Seit 2019 sind Jonas und Niclas Nachtwey die Inhaber und Geschäftsführer; sie sind staatlich geprüfte Techniker und Orthopädietechniker.


Der Prototyp des Paramotion bestand aus Holz. Heute wird er aus robustem Stahl gefertigt und ist ein zertifiziertes Medizinprodukt. Der Paramotion sei für alle Geländearten bis 30 Grad Steigung und 20 Grad Seitenneigung geeignet und biete so Stabilität auf dem Golfplatz, erklärt Nachtwey. „Mit den beiden 650-Watt-Motoren und fünf Geschwindigkeitsstufen hat er genug Power, um überall hinzukommen.“ In wenigen Sekunden ermöglicht der Rollstuhl das Aufrichten in die optimale Stehposition zum Golfen.


Die Nutzlast sei mit bis zu 160 Kilogramm hoch. Und er könne an die Körpergröße angepasst werden.  Kunden können Einfluss nehmen auf Ausstattung und Zubehör, Beispiele sind eine Golfbag-Halterung und eine Ablagebox.  Einige Kunden nutzen laut Nachtwey den Paramotion nicht nur zum Golfspielen, sondern beispielsweise für den Winter, um mit speziellen Reifen sicher durch Schnee zu fahren. Das Golfspielen mache aber 90 Prozent der Nutzer aus. Der Preis für einen Paramotion liegt je nach Ausstattung bei 25.000 bis 27.000 Euro.


Der Vertrieb laufe über große Sanitätshäuser, Vertriebs- und Servicepartner sowie durch direkte Kommunikation auf dem Golfplatz, nicht nur in Deutschland, sondern auf der ganzen Welt. Weil das Gerät als reine Privatleistung selbst bezahlt werden muss, kann es sich nicht jeder leisten. Manchmal sammelten Wohltätigkeitsorganisationen Spenden, um die Anschaffung zu ermöglichen. Zudem biete Powerbasetec Mietstandorte auf der ganzen Welt an, besonders gut vertreten seien Australien und nordische Länder.  


Die Wartung der Geräte bietet das Unternehmen über Ferndiagnose an und über  Partner an verschiedenen Orten. Da die meisten Bestandteile austauschbar seien, sei eine schnelle Reparatur des Paramotion garantiert. „Die Topgolfer dieser Welt haben alle schon mit ihren Organisationen bei uns Geräte gekauft“, erzählt Nachtwey. Kunden seien Martin Kaymer, Henrik Stenson und Phil Mickelson gewesen, die den Golfsport professionell ausübten und Paragolfen mit ihren Organisationen und Stiftungen unterstützten.


Jährlich verkaufe das Unternehmen 70 bis 100 Produkte, 95 Prozent ins Ausland.  „Es hat mittlerweile schon weltweit bestimmt 1500 bis 1800 Menschen die Möglichkeit gegeben, den Golfsport wieder auszuüben“, sagt Nachtwey. Es gebe kein vergleichbares Produkt auf der ganzen Welt. 2023 habe Powerbasetec einen Umsatz von rund 1,5 Millionen Euro erzielt, 2024 sei er voraussichtlich ähnlich hoch.


Christian Nachtwey gehört zur Spitzenklasse des europäischen Golfsports für Menschen mit Behinderung, mit internationalen Titeln und seinem bislang größten Erfolg als Europameister im Jahr 2001.  Er ist Präsident des Behinderten Golf Club Deutschland. So kenne er einen Großteil seiner Kunden persönlich. Das sorge für eine enge Kundenbindung.


Claudia Theisen aus Bielefeld ist seit 2010 auf den Rollstuhl angewiesen. Sie schätze seine Funktionalität auf dem Golfplatz sehr, sagt sie. Bei ersten Recherchen zum Paramotion stieß sie auf die Organisation „Fundación Handisport Mallorca“, die von Jonas Nachtwey geleitet wird. Sie bietet adaptive Sportarten und barrierefreien Tourismus an und wird unter anderem von Powerbasetec unterstützt. Jedes Jahr werden Golf­turniere veranstaltet, wie die „Mediter­ranean Adaptive Open“, an denen Christian Nachtwey teilnimmt. Ziel des Turniers sei es, Sportler mit unterschiedlichsten körperlichen Einschränkungen zusammenzubringen und den Golfsport als inklusives Erlebnis zu fördern.


Claudia Theisen konnte auf Mallorca einen Paramotion mieten und erste Eindrücke sammeln. Sie kaufte das Gerät und spielt nun damit in ihrer Heimat Golf. Sie werde in wenigen Sekunden in eine aufrechte Position gehoben, um den Ball abzuschlagen, und kehre danach ebenso schnell in die Sitzposition zurück, erzählt sie. „Man spürt bei der Handhabung, dass ein Betroffener die Entwicklung maßgeblich betrieben hat.“ Mitspieler begegneten ihr neugierig und technisch interessiert und nie herablassend.


Powerbasetec entwickelt gerade ein weiteres Produkt. Es soll Rollstuhlfahrern den Zugang zu Orten ermöglichen, die bislang schwer oder gar nicht erreichbar gewesen seien. Mehr Details nennt Nachtwey vorerst nicht. 

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 21. März 2025 , Nr. 68, S. 22 - Janice Kohlrautz, Eichsfeld-Gymnasium, Duderstadt

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