Jeder vierte Parfümflakon auf der Welt kommt von Heinz-Glas, einem der ältesten Familienunternehmen in Deutschland.
Ob oval, länglich, rund, metallisiert, matt, farbig, glänzend oder undurchsichtig – der Flakon beeinflusst, welches Parfüm gekauft wird. „Wenn wir in ein Geschäft gehen, dann riechen wir zwar an einem Parfüm, aber die Flasche sollte auch ansprechend gestaltet sein“, sagt Frank Martin, der Geschäftsführer Finanzen der Heinz-Glas GmbH & Co. KGaA aus Kleintettau in Franken. Jeder vierte Parfümflakon auf der Welt stamme von Heinz-Glas.
Das Unternehmen wurde 1622 als kleine Glashütte im thüringischen Piesau gegründet und gehört zu den ältesten deutschen Familienunternehmen. In der 13. Generation leitet es Carletta Heinz. In den Neunzigerjahren begann die Internationalisierung. Mit dem ersten und derzeit größten ausländischen Standort in Działdowo, einer Stadt in Polen, verbreitete sich Heinz-Glas und besitzt nun 18 Standorte in 13 Ländern, etwa in der Tschechischen Republik und Indien. Mit dem Bau eines Werks in Changzhou während der Corona-Pandemie ist man nun auch in China vertreten. Dort wird mit rund 190 Mitarbeitern Klarglas produziert und veredelt. Vertriebsbüros unterhält man in Paris, London, New York und Shanghai.
Heinz-Glas ist nach eigenen Angaben einer der Weltmarktführer in der Herstellung und Veredelung von Glasflakons sowie Verschlüssen für die Parfüm- und Kosmetikindustrie. Auf der ganzen Welt gibt es fünf große Glashütten, die Glasverpackungen für die Parfüm- und Kosmetikindustrie herstellen.
Das Unternehmen produziert Glasflakons und Tiegel für die Parfüm- und Kosmetikindustrie und beschäftigt 4000 Mitarbeiter. Die Exportquote beträgt 80 Prozent; man beliefert Kosmetikkonzerne wie L’Oréal, der für Marken wie Ralph Lauren, Giorgio Armani und Lancôme bekannt ist, und Estée Lauder mit Marken wie Tom Ford und Michael Kors. Man erhält auch ungewöhnliche Aufträge. So stellte man kürzlich für Tesla eine schwarz glänzende Flasche für das „Giga Bier“ her, ein in Berlin gebrautes Pils.
„Die Produktpreise variieren je nach Anzahl der Veredlungsschritte und Qualität des Produkts“, sagt Martin. „Ein Richtwert für den Preis der Glasflasche mit Veredlung durch Techniken wie Metallisieren, Mattieren, Besprühen, Lasern und Bekleben liegt etwa im Bereich von drei bis fünf Prozent vom endgültigen Produktpreis.“ Jährlich produziert Heinz-Glas 2,2 Milliarden Flakons, Tiegel, Kappen und Verschlüsse.
In Kleintettau unterhält das Unternehmen ein Museum, das Einblicke in die historische Glasproduktion gewährt. „Heute geht das alles vollautomatisch“, sagt Martin. 100 Prozent der Musterformen und etwa 75 Prozent der Formen in der Produktion würden hausintern gefertigt.
Glas entsteht im Schmelzofen bei mehr als 1500 Grad. Zur Herstellung von Flakonglas werden acht bis 15 Rohstoffe verwendet. Zu den wichtigsten Bestandteilen gehören Quarzsand, Soda, Kalkstein, Tonerde und Scherben. Die trockenen, feinkörnigen Rohstoffe werden vermengt; im Schmelzofen, betrieben mit Strom oder Gas, verschmilzt die Mischung zu flüssigem Glas. „Die genaue Rezeptur bleibt ein wohlgehütetes Geheimnis“, sagt Martin.
Das Gemenge wird flächig auf die gesamte Schmelzfläche aufgegeben, bis die gewünschte Schmelztemperatur erreicht ist. Das homogene Glas fließt nun in den Feeder, der das Glas zur IS-Maschine transportiert, wo es mittels Druckluft und Vakuum zur Flasche geformt wird.
Zwischen Kundenanfrage und Auslieferung vergehen vier bis sechs Monate, der Herstellungsprozess eines Flakons dauert nur wenige Sekunden. „Die Anlagen müssen rund um die Uhr, jeden Tag, das ganze Jahr lang in Betrieb sein, weswegen eine stabile Energieversorgung das Wichtigste für uns ist“, sagt Martin.
Der wichtigste Rohstoff sei Energie. Der jährliche Strombedarf an den deutschen Standorten betrage rund 100 Millionen Kilowattstunden. Das entspricht dem Verbrauch von rund 25.000 Drei-Personen-Haushalten. Der Erdgasverbrauch beläuft sich nach eigenen Angaben auf etwa 160 Millionen Kilowattstunden im Jahr. Die drastische Steigerung der Energiekosten in der Energiekrise stellte eine existenzielle Herausforderung für das Unternehmen dar. „Das wäre eigentlich der Todesstoß für die gesamte deutsche Glasindustrie gewesen, wenn die Kunden nicht einen Großteil dieser gestiegenen Kosten getragen hätten“, erklärt Martin. Dazu habe man intensive Gespräche mit allen Kunden geführt. Viele waren bereit, Preiserhöhungen zu akzeptieren.
„Wenn kostengünstigere Produktionsmöglichkeiten im Ausland bestehen sollten, wird es schwierig für die Glasindustrie in Deutschland. Das ist die Forderung, die wir an die Politik stellen. Bezahlbare und wettbewerbsfähige Strom- und Gaspreise, aber auch Planungssicherheit, um weiter in Deutschland produzieren zu können“, sagt Martin. Nach seinen Angaben verzeichnete das Unternehmen im Geschäftsjahr 2023 einen Umsatz von 488 Millionen Euro. Die Glasindustrie sei sehr investitionsintensiv, man stecke im Durchschnitt 14 Prozent des Umsatzes wieder in neue Anlagen und Maschinen, um die Wettbewerbsfähigkeit zu wahren. Die Pandemie hat das Unternehmen getroffen. Inzwischen liegt man wieder auf dem Niveau wie vor der Corona-Zeit.
Die Wettbewerber von Heinz-Glas sitzen im Ausland, beispielsweise Bormioli in Italien, die Piramal Group in Indien und Bougie in Frankreich. „Es ist notwendig, innovativ zu sein, kontinuierlich Forschung zu betreiben, Neues auszuprobieren, um den Kunden etwas zu präsentieren, denn über Kosten können wir uns in Deutschland nicht abheben, aber durch Qualität und Service“, erklärt Martin.
„Während wir Rohstoffe wie Sand lokal aus Deutschland beziehen, stammt Soda teilweise aus der Türkei – wobei die Versorgung als sicher gilt, solange Lastkraftwagen fahren“, berichtet Martin.
Wichtig sei, Ressourcen zu sparen. Heinz-Glas erhielt den German Packaging Award für den Lightweight-Flakon Victor. Er bestehe aus besonders dünnwandigem Glas, fast 70 Prozent an Rohstoffen und Energie könnten eingespart werden. Das Glasgemisch ist zu 50 Prozent aus Recycling-Glas, und es wird CO2-neutral geschmolzen. Zusätzlich setzt Heinz-Glas unter der Marke Resisdance ein Härteverfahren ein, das die Bruchsicherheit und Kratzfestigkeit des Glases steigert. So sollen verstärkt Kunststoffverpackungen durch Glas ersetzt werden. Außerdem gibt es immer mehr Refill-Systeme; damit wird der hochwertige Parfümflakon zu einem Mehrwegprodukt.
Vor mehr als 50 Jahren hat Heinz-Glas als erstes Unternehmen der Glasbranche eine elektrisch betriebene Schmelzwanne in Betrieb genommen. Das erhöhte den Wirkungsgrad und verringerte die Umweltauswirkungen. Heutzutage verfügt man über mehrere Elektroschmelzwannen, die mehr kosten als Glasschmelzwannen. Durch die Umstellung des Standorts Piesau von einer gasbefeuerten Schmelzwanne auf zwei Elektroschmelzwannen wird künftig mehr Strom und weniger Erdgas benötigt; das Verhältnis zwischen den beiden Energiequellen beträgt dann ungefähr 50 zu 50. Man will auf eine weitgehend fossilfreie Betriebsweise umstellen.
Am Hauptsitz im Frankenwald gibt es ein Tropenhaus, das mit der in der Glasproduktion erzeugten Abwärme geheizt wird. In ihm wachsen tropische Früchte, die man dann vermarktet.
Das Unternehmen kämpft mit dem Fachkräftemangel und fördert die Ausbildung junger Leute. „Wir haben Azubimobile, mit denen jeden Tag die Auszubildenden in der Gegend eingesammelt und anschließend wieder heimgefahren werden“, sagt Martin. Damit entkomme man dem unzuverlässigen öffentlichen Nahverkehr. Insgesamt sei der Wettbewerb um die Fachkräfte stärker als ums Glas.