Geza Schön stellt schon seit fast 20 Jahren ungewöhnliche Parfüms her. In ihrer radikalsten Ausprägung enthalten sie nur ein synthetisches Molekül.
Für Geza Schön sind Düfte keine Massenware. „Wir müssen wegkommen von diesen obszönen, starken Düften“, sagt der Parfümeur. Er ist 55 Jahre alt, stammt aus Kassel und lebt in Berlin. „Es gibt keinen anderen Parfümeur, der eine ähnliche Historie mitbringt“, sagt er. Vor der Gründung seines eigenen Unternehmens hat er 12 Jahre in der Industrie gearbeitet und Düfte für andere Marken kreiert. „Dass man rausgeht, seine eigene Marke gründet und darüber hinaus noch als unabhängiger Parfümeur für Künstler Parfümöle entwickelt, das ist sicherlich einzigartig“, sagt Schön.
Schon mit 16 Jahren begann Schön Parfüms zu sammeln. Er bewarb sich bei Haarmann & Reimer, einem Anbieter von Duft- und Geschmacksstoffen mit Hauptsitz in Holzminden; das Unternehmen heißt heute Symrise. Er absolvierte dort eine Ausbildung zum Parfümeur und arbeitete bis Ende 2001 im Unternehmen. Vom Management war er enttäuscht: „Da habe ich gedacht, das krieg’ ich allein besser hin. Und so war es dann auch“, sagt Schön selbstbewusst. Er zog nach London, stellte Düfte in seiner Küche her. „Ich bin eines Tages mit einem leeren Trolley von London nach Grasse in Frankreich geflogen und bin am selben Abend mit 18 Kilogramm Flüssigkeit in meinem Trolley wieder zurück nach London geflogen, ohne Probleme; das würde man heutzutage nicht wagen. So habe ich angefangen“, erzählt Schön.
Das Konzept seines Unternehmens Escentric Molecules, das in London sitzt, bezeichnet er als radikal. „Das ist schon das Krasseste, was ich mir eigentlich vorstellen kann in der Duftwelt.“ Schön verwendet Moleküle wie ISO E Super für die Duftherstellung; sie erzeugen komplexe Duftnoten. ISO E Super ist ein synthetisches Molekül, das zedernholzig riecht, es hat einen subtilen Eigengeruch. Diesen synthetischen Duftstoff gibt es schon seit den 1970er Jahren. Roy Halston Frowick, ein amerikanischer Modedesigner, verwendete ihn 1975 für seinen ersten Damenduft.
Als Schön Iso E Super zum ersten Mal für sich allein gerochen habe, habe es Klick gemacht, ist der Internetseite von Escentric Molecules zu entnehmen. Von dem Aromamolekül könne man nie genug bekommen. Schön trug es vor dem Besuch einer Bar auf und wurde sofort von einer Frau darauf angesprochen.
„1994, als ich an dem ersten Duft von Diesel mitgearbeitet habe, habe ich einem unserer Verkäufer schon vorgeschlagen, dass er ihnen ISO E Super zeigen soll“, erzählt Schön. Das Molekül war dem Verkäufer allerdings zu ungewöhnlich und wurde der italienischen Modemarke Diesel nie gezeigt. Für Schön hingegen war das Molekül dazu geeignet, es sogar allein auf der Haut zu tragen. Und so besteht der Duft Molecule 01 ausschließlich aus ISO E Super. Als er 2006 auf den Markt kam, erregte er einige Aufmerksamkeit, das Topmodel Kate Moss und Fußballstar Lionel Messi wurden Kunden. Es gibt auch den Duft Escentric 01, der nur zu 65 Prozent ISO E Super enthält und außerdem Stoffe wie Limettenschale, Iris und frischen Moschus.
Die Molecule-Serie reicht inzwischen von Molecule 01 bis Molecule 05; jeder Duft besteht aus nur einem synthetischen Duftmolekül, Molecule 02 etwa aus Ambroxan und Molecule 05 aus Cashmeran. Parallel gibt es jeweils einen Escentric-Duft, der weitere Bestandteile enthält, also Escentric 01 bis Escentric 05. Dort bringe er die einzelnen Moleküle in einem traditionelleren Parfüm unter.
Schöns Produkte sind Eau de Toilettes, sie enthalten nur zwischen sechs und zehn Prozent Parfüm, der Rest ist Alkohol und Wasser. So komme man weg von den starken, traditionellen Düften. Seine Düfte seien milder und subtiler. Die Flakons sind ohne Kappe. „Wir haben uns dazu entschieden, keine Kappe zu machen, weil wir Kappen so dermaßen hässlich fanden.“ Schöns Designer ist Paul White, der auch für die isländische Sängerin Björk gearbeitet hat.
„Wir haben mit den Molekülen die synthetischen Düfte sexy gemacht. Die Sache mit den Molekülen gab es bis dahin noch nicht“, sagt Schön. „Andere Nischenbrands, die mit uns angefangen haben oder nach uns waren, sind mittlerweile verkauft an die großen Firmen wie L’Oréal“, sagt Schön. Bekannte Nischenmarken, die aufgekauft wurden, sind Creed und Frédéric Malle.
Schön kreiert auch Corporate Scents, Düfte für Banken, Autohäuser und Verlagshäuser wie das Verlagshaus Mare in Berlin. Für die Deutsche Telekom entwickelte er einen Raumduft. Schön hat mit dem Berliner Bildhauer Michael Sailstorfer zusammengearbeitet. Dieser hat nach Schöns Methode einen Duft kreiert, eine auf 350 Flacons limitierte Edition mit dem Namen „Tears on Asphalt“.
Man bediene eher ein jüngeres Publikum, sagt Schön. Die Düfte sind wegen der Verwendung weniger Materialien individualistisch und unkonventionell. „Ich würde uns als mit die futuristischste Nischenbrand bezeichnen.“ Im Vergleich zu anderen Nischenmarken seien die Düfte günstiger: „Wir haben dieses Jahr die Preise angehoben, obwohl wir das jahrelang nicht gemacht haben.“ Die Molecule-Serie kostet für 100 Milliliter 145 Euro, die Escentric-Serie 150 Euro und die neue Molecule-Plus-Serie 155 Euro. Letztere besteht aus jeweils dem Molekül der Molecule-Serie, vereint mit nur einem Stoff wie Ingwer oder Mandarine. Parfüms zum Beispiel von Frédéric Malle können bis zu 1430 Euro kosten.
Schön betont die hedonistischen Aspekte eines Dufts, die wichtiger seien als viel Umsatz zu erzielen. „Wir haben zum Beispiel einen Duft, der heißt Molecule + Iris. Der ist so teuer in der Herstellung; aber das ist dann egal. Wir waren nie durch wirtschaftliche Zwänge getrieben, sondern immer rein durch den hedonistischen, ästhetischen Aspekt“, behauptet er. Seine Düfte sollen den Menschen gute Gefühle geben, sie sollen sich mit ihnen ausdrücken können. Der Umsatz lag im abgelaufenen Geschäftsjahr 2024 bei rund 20 Millionen Pfund (knapp 24 Millionen Euro), mit 25 Angestellten, wie Schön berichtet. 2023 betrug er rund 19 Millionen Pfund, 2022 etwa 25 Millionen Pfund.
Die International Fragrance Association (IFRA) ist die globale Vertretung der Duftindustrie; sie legt Richtlinien für die Verwendung von Duftstoffen fest. Es geht etwa darum, ob Stoffe biologisch abbaubar sind. Eine Originalrezeptur womöglich fünf Jahre später verändern zu müssen, könne herausfordernd sein, sagt Schön. Und man weiß nie, ob und wann neue Standards festgelegt werden.