Ein Schwabe hat den Bogen raus

Warum der erfolgreiche Sportschütze Stefan Dachs einen ungewöhnlichen Armbrustbogen erfunden hat.

Stefan Dachs entwickelte 2015 einen besonderen Armbrustbogen: Im Vergleich zu einer Armbrust mit einem konventionellen Bogen sind die Vibrationen beim Schuss um mehr als 40 Prozent geringer. Dachs ist Elektromechanikermeister, er betreibt eine Werkstatt in Reutlingen am Fuße der Schwäbischen Alb und ist begeisterter Sportschütze. Er nimmt an Wettkämpfen in den Disziplinen Luftgewehr und Armbrust teil. In beiden Disziplinen ist der Dreiundfünfzigjährige mehrfacher Vereins- und Bezirksmeister. In der Disziplin Armbrust belegte er in Landesmeisterschaften und Deutschen Meisterschaften zweite und dritte Plätze; seinen größten Erfolg feierte er 2023, als er Deutscher Meister im Armbrustschießen wurde.


Wegen des unterschiedlichen Rückstoßes fiel ihm die Umstellung vom Luftgewehr auf die Armbrust schwer; sie werden in Meisterschaften kurz hintereinander geschossen. „Beim Luftgewehr macht es bloß pffft, und das Kügele ist draußen, bei der Armbrust ist ein richtiger Rückstoß vorhanden“, erklärt der Schwabe, der sich mit diesem Problem nicht alleine sah. Er wollte den Rückstoß der Armbrust reduzieren.


Zunächst lief die Entwicklung neben dem normalen Tagesgeschäft in seiner mechanischen Werkstatt, in der er Auftragsarbeiten für Privatpersonen und Industriebetriebe fertigt. Drei Jahre tüftelte er an der Idee. „Bis ich dann irgendwann an dem Punkt war, entweder jetzt richtig oder bleiben lassen“, sagt er. Er ließ Zeichnungen für die neue Bogengeome­trie anfertigen und schaffte es, seinen Armbrustbogen innerhalb von einem Dreivierteljahr fertigzustellen. Es ist ein optisch deutlich anderer Bogen mit einem starren, invertierten Mittelteil anstelle eines Außenbogens. Durch diese Geometrie mit den außen angebrachten Wurfarmen erreichte Dachs die deutliche Reduzierung des Rückstoßes.


Öffentlich wurde seine Innovation bei der Deutschen Meisterschaft 2015 in München. Dachs benutzte seine neue Erfindung zwar nicht. Auch seine Bitte an den Bundesreferenten für Schießsport, ob er die Wurfarme auf den Bogen von Diana Eyb, die schon mehrfach an Deutschen, Europa- und Weltmeisterschaften teilgenommen hatte, montieren dürfe, wurde abgelehnt. Später stellte sich heraus, dass Dachs nicht beim Referenten hätte nachfragen müssen. Allerdings erfuhr so Norbert Ettner von dem neuen Bogensystem und wollte es nach Abschluss der Wettkämpfe ausprobieren.

Ettner nahm 2000 an den Olympischen Spielen in Sydney in der Disziplin Luftgewehr teil und ist mehrfacher Europa- und Weltmeister in der Disziplin Armbrust. Als er das neue System testete, schauten gut 100 Leute zu. „Norbert ist hingestanden, hat geschossen, erster Schuss, drehte den Kopf zur Seite und grinste über beide Ohren und meinte nur: ,Geil‘“, erzählt Dachs. „Wenn Norbert sagt, dass was gut ist, dann ist das so, und alle glauben ihm.“ Später ließ Dachs seine Erfindung offiziell für Wettkämpfe registrieren, so wurde sie auch in anderen Ländern bekannt.


Die geänderte Bogengeometrie sorgt dafür, dass ein Großteil der Bewegung nicht in Schussrichtung, sondern zur Seite geht. Bei der herkömmlichen Armbrust gehen rund 80 Prozent der Bewegung in Schussrichtung und etwa 20 Prozent zur Seite, was einen enormen Rückstoß verursacht. Durch die andere Konstruktion der Wurfarme gehen etwa 70 bis 75 Prozent zur Seite und nur etwa 25 bis 30 Prozent nach vorne. Das Gewicht des Bolzens lässt sich jedoch nicht eliminieren, so dass ein Rückstoß nach wie vor vorhanden ist. Mittlerweile ist die Erfindung in Deutschland, Österreich, Frankreich und der Schweiz patentiert. Dies sei freilich mit enormen Kosten von etwa 30.000 Euro verbunden gewesen.


Dachs möchte seine Innovation bekannter machen und hofft, dass mehr Sportler die Bögen bei Meisterschaften benutzen und damit gesehen werden. Derzeit verkauft er vorwiegend im süddeutschen Raum, hauptsächlich an professionelle Sportschützen. Weil die Armbrustdisziplin ein kleiner Bereich im Schießsport ist, sind keine großen Stückzahlen zu erreichen. Derzeit verkaufe er etwa 20 bis 30 Armbrüste im Jahr. Der Umbau einer neuen oder gebrauchten Armbrust koste knapp 1000 Euro.

2017 schoss Manuel Wittmann bei den Deutschen Meisterschaften mit dem Bogen ein Ergebnis von 398 Punkten bei maximal erreichbaren 400 Punkten und wurde Deutscher Meister. „Daraufhin ist es dann plötzlich auch mal zur Sache gegangen“, erinnert sich Dachs, „so viele habe ich innerhalb von einem Jahr gar nicht mehr produzieren können.“

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 08. Mai 2025, Nr. 106, S. 18 - Amelie Luik, Gymnasium Neckartenzlingen

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