Maler erleben ihr kobaltblaues Wunder

Mit den Farben des deutschen Marktführers Kreul hat auch Gerhard Richter schon gemalt

Kadmiumgelb, Zinnoberrot, Vandyckbraun – Farbherstellung ist eine Wissenschaft für sich. Dieser Herausforderung stellt sich das Familienunternehmen C. Kreul GmbH & Co. KG. 1838 wurde es als erste deutsche Künstlerfarbenfabrik vom Genre- und Bildnismaler Johann Dietrich Carl Kreul gegründet. Damals mussten Künstler ihre Farben noch selbst herstellen. Mit seiner Erfindung einer Farbreibemaschine zur Produktion von hochwertigen Ölfarben machte sich Kreul in ganz Europa einen Namen. 150 Jahre später übernimmt 1988 Gertraud Hawranek die Führung und macht aus dem im oberfränkischen Hallerndorf ansässigen Unternehmen den europäischen Marktführer in der Herstellung von Künstler- und Hobbyfarben. Laut ihrem Sohn Florian Hawranek, seit 2014 Geschäftsführer in vierter Familiengeneration, sei Kreul weiterhin Marktführer in Deutschland; den Marktanteil schätzt er auf 30 Prozent.

Das Sortiment umfasst gut 2000 Produkte: unter anderem Fingerfarben, Bastelfarben, Stoffmalstifte, Porzellanfarben und die am meisten gefragten Acrylfarben für Künstler. „Es gibt Gemälde mit Millionenwert von Gerhard Richter, die mit unseren Farben gemalt worden sind“, sagt der Geschäftsführer. Eine Tube Acrylfarbe, ein 50-Milliliter-Glas Hobbyacrylfarbe oder Stoffmalfarbe kostet zwischen 4 und 5 Euro. Man sei nicht preisgünstig, denn man produziere in Deutschland, setze kompromisslos auf Qualität und lege Wert auf Nachhaltigkeit. In den Laboren stellen Chemiker die Unbedenklichkeit von Fingerfarben sicher, testen die Brillanz von Porzellan- und Stofffarben und entwickeln neue Farbstoffe, wie Hawranek bei einem Unternehmensrundgang erzählt.

Zur optimalen Abstimmung von Farbe und Pinsel, was für Künstler sehr wichtig ist, arbeitet man mit der Zahn Pinsel GmbH zusammen. Das Unternehmen aus dem bayerischen Bechhofen produziert hochwertige Qualitätspinsel, die laut Geschäftsführer perfekt zu den Farben von Kreul passen und zusammen mit diesen verkauft werden.

Für die Farbherstellung werden Rezepturen erstellt, denn es ist wichtig, die Zutaten in korrekter Menge und Reihenfolge, analog zu einem Kochrezept, zu verarbeiten. Produziert wird in großen Farbbottichen. Ihre Namen erhalten die Farben durch die verwendeten Pigmente. „Es wird Wert darauf gelegt, dass diese nicht synthetisch, sondern rein natürlich sind“, betont Hawranek. Die Farben werden entweder unter eigenem Namen oder unter Fremdmarken wie Müller verkauft. Dabei möchte der Kunde die Ware oft deutlich unter der „unverbindlichen Preisempfehlung“ verkaufen. Der Marke Kreul würde es schaden, diese unter eigenem Namen zu verkaufen und in den Preisvergleich zu treten, erklärt Hawranek.

Die Bottiche müssen nach der Produktion rückstandslos gesäubert werden. Das Abwasser, das Chemikalien enthält, läuft in der Kläranlage durch Filter, der anfallende Farbschlamm wird zusammengepresst, getrocknet und verbrannt. Kreul beschäftigt rund 100 Mitarbeiter.

 Er sei nicht gut im Zeichnen, sagt Hawranek. Er könne sich aber „durch Kreativität ausdrücken und der Kraft der Farbe Entfaltung geben“. Stets teste er die Produkte seines Unternehmens.

 Laut ihm sind mehr als 95 Prozent der Produkte auf Wasserbasis hergestellt, es gebe nur vereinzelt Lacke und Farben, deren Herstellung nicht oder nur begrenzt nachhaltig möglich sei. Ein Überzugslack beispielsweise verschaffe dem Objekt jedoch eine lange Haltbarkeit. „Hier muss man also genau abwägen“, gibt Hawranek zu bedenken.

 Privatleute können die Produkte in Fachläden, Baumärkten, Drogerien sowie im Online- und Versandhandel erwerben. Der Exportanteil liegt nach eigenen Angaben bei 25 Prozent in europäischen Ländern. Insgesamt werden Waren in 50 verschiedene Länder geliefert. „Die Corona-Jahre 2020/21 waren die besten Jahre der vergangenen zwei Jahrzehnte“, sagt Hawranek. Der Jahresumsatz stieg auf 20 Millionen Euro. Regulär belaufe er sich auf 15 bis 17 Millionen Euro.

Es gibt Trends. In den 1990er-Jahren waren das Seidenmalfarben, um das Jahr 2000 Fenstermalfarben. Aktuell werden laut Geschäftsführer vermehrt Kerzen mit dem „Candle Pen“ gestaltet. Zu Unsicherheit mit Blick auf die Zukunft trägt die Digitalisierung bei. Durch KI-Kunst und digitales Malen sinke die Nachfrage nach herkömmlichem Malequipment. Andererseits genössen Menschen es, die den ganzen Tag vor dem Bildschirm säßen, in der Freizeit als Ausgleich reale Farbe zu verwenden, sie zu riechen, zu fühlen und trocknen zu sehen. 

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. Oktober 2024, Nr. 236, S. 20 - Julian Holtzmann, Ehrenbürg-Gymnasium, Forchheim

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