Schmincke ist Marktführer für Aquarellfarben und der letzte deutsche Hersteller hochwertiger Künstlerfarben. Auch Neo Rauch verwendet manche Produkte.
Damit ein Kunstwerk über Generationen erhalten bleibt, müssen hochwertige Materialien verwendet werden. Für Maler spielen Künstlerfarben eine wichtige Rolle. Neo Rauch, der bedeutendste Vertreter der Neuen Leipziger Schule, wuchs, 1960 geboren, in der DDR auf. Rauch bedauert bis heute das Verschwinden des sächsischen Farbenherstellers VEB Kali-Chemie Farbenfabrik Nerchau: „Die Qualität der Nerchauer Farben ist nach wie vor unerreicht. Das gilt besonders für die Farbtöne wie dunkles Krapp und feuriges Chromoxidgrün“, berichtet er und fügt hinzu: „Darüber hinaus kannte ich in der Zeit der ausschließlichen Verwendung von Nerchauer-Produkten keinerlei Craquelé-Probleme. Die setzen mir erst in den vergangenen Jahren massiv zu, seit ich auf Farben anderer Herkunft angewiesen bin.“
Die H. Schmincke & Co. GmbH & Co. KG aus Erkrath in Nordrhein-Westfalen möchte ebenfalls dafür sorgen, dass die Farbe in den Bildern so unvergänglich ist wie die Idee des Künstlers. „Wir sind in Deutschland mittlerweile der einzige hochwertige Künstlerfarbenhersteller“, berichtet Geschäftsführer Nils Knappe. Der letzte große deutsche Konkurrent Lukas sei erst an ein englisches und beide später an ein italienisches Unternehmen verkauft worden. Schmincke sei nur im Premiumsegment unterwegs. Bei Aquarellfarben ist man laut Knappe in Deutschland mit Abstand die Nummer eins; international gehöre Schmincke zu den drei führenden Marken.
Josef Horadam und Hermann Schmincke gründeten das Unternehmen 1881. Inspiriert wurden sie von den einzigartigen Ölfarben des Florenzer Kunstprofessors Cesare Mussini. Deshalb benannte man die erste Ölfarbenlinie nach ihm. Gut ein Jahrzehnt später entwickelte Horadam seine flüssig vergossene Aquarellfarbe und erhielt in ganz Europa Patente. Neue Produkte kamen hinzu. So entstand eine „genormte“ Farbe als klassische Alternative zu Mussini, die heute als „Norma Professional“ bekannt ist. Unter dem späteren Geschäftsführer Julius Hesse entwickelte man Pastellkreiden und Gouachefarben.
Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm man Acrylfarben ins Programm auf. Acrylfarben seien in den USA von Pop-artkünstlern wie Andy Warhol populär gemacht worden, sagt Knappe. Sie trocknen schnell. Und: „Acryl riecht nicht, Ölfarben riechen.“ Als Letztes führte man, um mehr Kunden zu gewinnen, die Akademie-Line ein, Farben von hoher Qualität zu einem günstigen Preis.
Die Produktion von Künstlerfarben ist teuer. Schmincke lege viel Wert auf Herkunft und Qualität der Rohstoffe, betont Knappe. Für Mussini und Horadam-Aquarellfarbe verwende man besonders teure, hochkonzentrierte Pigmente, wodurch die Farben eine höchstmögliche Leuchtkraft und Lichtbeständigkeit bekämen. Das Unternehmen ist stolz auf seine selbstentwickelten Farbrezepturen und selbstentwickelten Maschinen. Es beschäftigt rund 90 Mitarbeiter. Produziert wird am Unternehmenssitz – um die Qualität zu sichern.
Zu Beginn der Ölfarbenherstellung werden alle Zutaten in unterschiedlichen Geschwindigkeiten sorgfältig gemischt. Die Substanz wird geschmolzen und gewalzt; das Pigment und das Bindemittel verbinden sich so besser, die Homogenität steigt. Dieser Vorgang wird mehrmals wiederholt. Die Farbe wird in Eimer gegossen, mit einem Deckel verschlossen, die „Reifezeit“ beträgt drei bis vier Monate. Aquarellfarben durchlaufen einen ähnlichen Reifeprozess. Die Grundrezepturen dieser beiden wichtigsten Farblinien haben sich seit 1881 kaum verändert. Schmincke produziert nach eigenen Angaben zwischen 1000 und 1200 Tonnen Farbe im Jahr.
Ölfarben werden aus Ölen hergestellt, zum Beispiel aus Sonnenblumen-, Distel- und Mohnöl. Für die Mussini-Farben verwendet man Harz. Naturharz verleiht der Farbe eine besondere Textur und Trocknung, das verhindert Risse. Deshalb würden die Mussini-Farben gern bei Restaurierungen benutzt, erläutert Knappe. Heutzutage könne man Harzölfarben nur bei Schmincke finden, ihre Qualität sei einzigartig. „Deswegen sind Künstler auch bereit, für unser Produkt mehr Geld auszugeben.“
Eine Mussini-Edelholztruhe mit 36 Tuben à 35 Milliliter und weiteren Malmitteln kostet bei Gerstaecker, dem eigenen Angaben zufolge größten Versandhandel für Künstlerbedarf in Europa, 1775 Euro. Ein Pastell-Holzmalkasten mit 200 Pastellen ist dort für 750 Euro zu haben. Ein kleines Näpfchen Horadam-Aquarellfarbe Delftblau kostet 10,35 Euro. Und derselbe Farbton Mussini-Ölfarbe kostet 16,91 Euro für eine 35-Milliliter-Tube. Die Akademie-Ölfarbe Königsblau kostet 13,99 Euro für eine 200-Milliliter-Tube.
Ein besonders teurer Farbton ist Kadmiumorange, der Preis einer 35-Milliliter-Tube Mussini-Ölfarbe beträgt 43,49 Euro. Der Preisunterschied zwischen den verschiedenen Farbtönen liegt an den unterschiedlich teuren Pigmenten und der jeweiligen Lichtbeständigkeit. Der am meisten verkaufte Farbton ist laut Knappe Zinkweiß, da er auch zum Mischen gebraucht wird. Ultramarinblau sei ebenfalls sehr gefragt. Eine Herausforderung für das Unternehmen ist es, den Wunsch der Künstler nach den immer gleichen Farben mit den sich ändernden Regularien zu chemischen Inhaltsstoffen in Übereinstimmung bringen.
Der Umsatz steige stetig. Dies liege auch an der Konsolidierung des Marktes und an Sondereffekten. „Die Pandemie war für unser Geschäft positiv. Viele Leute blieben zu Hause. Das Malen ist etwas sehr Persönliches.“ Der Export macht inzwischen die Hälfte des Umsatzes aus. Man exportiere in 70 Länder, die Hälfte befinde sich außerhalb Europas. Der jährliche Umsatz liegt laut Knappe zwischen 20 und 25 Millionen Euro.
Schmincke arbeitet mit wenigen Künstlern als Marketingpartnern zusammen. Die Namen prominenter Kunden gibt das Unternehmen allerdings nicht preis. Ein sehr berühmter Kunde war Gerhard Richter, der laut Kerstin Küster vom Gerhard Richter Archiv in Dresden mindestens zwischen 1969 und 1979 für seine Gemälde Ölfarben von Schmincke verwendete. Neo Rauch bezeichnet die Farbbrillanz der Mussini-Ölfarben als zufriedenstellend, allerdings habe die Farbenfabrik Nerchau in diesem Segment Maßstäbe gesetzt. Künstler hingen sehr an den ihnen vertrauten Farbtönen und täten sich bisweilen mit Veränderungen der Rezepturen schwer, heißt es von Schmincke. (Völlig unerwartet ist Nils Knappe am 19. Oktober 2024 verstorben. Sein Nachfolger ist Markus Baumgart.)