Arznei kann individuell dosiert produziert werden
Gedruckte Arzneimittel klingen nach Science-Fiction; nicht aber für Gerald Huber, der einer der Gründer der DiHeSys Digital Health Systems GmbH in Schwäbisch Gmünd ist. Für ihn sind sie Realität. Oft passen die standardisierten Wirkstoffmengen in Medikamenten nicht auf die Anforderungen der einzelnen Patienten, was bei Arzneien mit starken Nebenwirkungen ein Problem ist. Huber, der Pharmazie und BWL studiert hat, besorgte zum Beispiel die Überdosierung von Medikamenten bei krebskranken Kindern, die starke Nebenwirkungen verursachen kann. „Wir behandeln Kinder wie kleine Erwachsene, und das hat nichts mit der Realität zu tun.“ Die richtige Dosierung hängt zudem von Geschlecht und Körpergewicht ab.
Vor mehr als zehn Jahren hatte Huber die Idee, Arzneimittel zu drucken, um die Wirkstoffmenge auf jeden Patienten einzustellen. Das Verfahren hat zudem den Vorteil, dass deutlich weniger Medizin verschwendet wird. Laut Huber werden bis zu 50 Prozent der produzierten Medikamente weggeworfen. Verkauft werden genormte Packungsgrößen und damit oft größere Mengen an Tabletten, als die Patienten benötigen. „Wenn zum Beispiel für einen Patienten zwölf Tabletten Antibiotika benötigt werden, so bekommt dieser nun nicht mehr die Standard-20er-Packung“, sagt Huber mit Blick auf das neue Verfahren.
Sein Unternehmen hat den 2D- und den 3D-Druck von Wirkstoffen entwickelt. Beim 2D-Druck wird, wie mit einem Tintenstrahldrucker, der exakt dosierte Wirkstoff auf einen essbaren Träger gedruckt. Diese Technik ist laut Huber einzigartig auf der Welt. Die Arznei löst sich schon im Mund und wird abgeschluckt. Dadurch wird sie schnell vom Körper aufgenommen und wirkt sofort. Ein weiterer Vorteil ist, dass die Medikamentenaufnahme über den löslichen Träger einfacher ist, wenn man Probleme mit dem Schlucken von Tabletten hat.
Die 3D-Drucker drucken die Tabletten Schicht für Schicht; sie drucken unterschiedliche Wirkstoffe in exakter Dosierung in eine Tablette. Bedruckt werden lebensmittelechte oder pharmazeutische Trägermaterialien. Der 3D-Druck von Medikamenten ist keine völlig neue Technik. DiHeSys hat jedoch sowohl auf den 2D-Druck als auch auf den 3D-Druck Patente angemeldet. „Wir streben an, dass 90 Prozent aller Tabletten so wirken, wie sich das der Arzt vorstellt. Im Moment wirken nur 60 Prozent der Tabletten so“, erläutert Huber.
Im Jahr 2018 entwickelte man die ersten Prototypen. „Es gab Zeiten, da haben wir am Wochenende mehrere Tintenstrahldrucker in den Wertstoffhof gebracht, weil alle die Woche nicht überlebt haben“, erinnert sich Huber. 2021 kam es zu den ersten Tests an Patienten. 2024 begann DiHeSys die Produktion für den Verkauf. „15 haben wir schon produziert, zehn kommen jetzt noch. Und 2025 wollen wir zwischen 50 und 100 Drucksysteme bestehend aus Hardware, Software und druckbarem Rezepturwirkstoff verkaufen.“ Der Preis für ein System liege im Bereich eines Sportwagens. Hauptabnehmer sind Apotheken. Sie können vor Ort genau die Tabletten drucken, die der Patient benötigt.
Christian Franken, Krankenhausapotheker und Anteilseigner von DiHeSys, leitete an der Klinikapotheke in Heidelberg eine Studie, in der die 2D-Technologie an einer kleinen Gruppe von Patienten getestet wurde. Man druckte Beruhigungsmittel, die vor einer OP gegeben werden. „Diese Studie, die auch in einschlägigen Fachzeitschriften wie dem ‚British Journal of Pharmacology‘ publiziert wurde, war durch die Bank erfolgreich“, sagt Franken. „Die Patienten empfanden die Einnahme als extrem gut und einfach.“ Ab dem zweiten Quartal 2025 soll die Technologie nun in Berlin in den ersten Apotheken zum Einsatz kommen. Mit knapp 30 Mitarbeitern habe das Unternehmen 2024 einen Umsatz im unteren einstelligen Millionenbereich erzielt, sagt Huber. Man wolle ihn in den nächsten drei Jahren verzehnfachen.