Menschen brauchen einen Antrieb
Paravan aus Aichelau ist Weltmarktführer für Behindertenfahrzeuge und besitzt einen Kampfjet. Das hat gute Gründe.
Immer wenn ich zu Paravan nach Aichelau fahre, ist das ein erhebendes Gefühl. Oft sitzen einige Leute mit Einschränkungen im Wartebereich, und es liegt eine Erwartungshaltung in der Luft, dass hier Träume wahr werden. Und so ist es auch“, sagt Josia Topf. In Aichelau, dem Hauptsitz von Paravan, hat der 2003 geborene Paralympics-Schwimmer nicht nur sein behindertengerechtes Auto anpassen lassen, sondern auch den Führerschein gemacht. Die von Roland Arnold gegründete Paravan GmbH ist eigenen Angaben zufolge seit 2009 mit ihren Umbauten Weltmarktführer für hoch individuell angepasste Behindertenfahrzeuge. Man habe auch das „Space Drive System“ entwickelt: Menschen mit schweren Einschränkungen wie einer Tetraplegie oder Multiplen Sklerose können ein Auto mithilfe eines Joysticks steuern.
Ebenfalls in Aichelau sitzt die Arnold NextG GmbH, deren Geschäftsführer der 25 Jahre alte Kevin Arnold ist, einer der zwei Söhne Roland Arnolds. Mit dem Zentralsteuergerät NX NextMotion will das Unternehmen Maßstäbe in der autonomen Mobilität setzen. Es habe „die Grundlage entwickelt für das Steer-und-Brake-by-Wire, für die größte Fahrzeugrevolution seit über 138 Jahren, den Wegfall der Lenksäule“, sagt Roland Arnold.
Auf einer Autobahnraststätte hatte Ronald Arnold 1997 nachts bei strömendem Regen ein Schlüsselerlebnis. Er half dort einer Frau beim Umlagern ihres Mannes vom Rollstuhl ins Auto. „Die Frau hat mir erzählt, dass ihr Mann nicht mehr Auto fahren kann, weil er schwerbehindert ist und einen ganz schweren Unfall gehabt hat.“ Er könne zwar mit einem Joystick einen Elektrorollstuhl fahren, aber dieser sei zum Verladen viel zu schwer. „Und dann bin ich auf die Idee gekommen, wenn der Mann einen Rollstuhl mit einem Joystick fährt, dann kann er ja auch mit einem Joystick Auto fahren.“ Er recherchierte, unter anderem bei Behindertenbeauftragten. „Die haben gesagt, bei Tetraplegie oder Multipler Sklerose gebe es auf der ganzen Welt keine Lösung. Und dann habe ich mich daran festgefressen.“
Die Basis der Technologie stammt von Flugzeugen, die ebenfalls über ein Kabel gelenkt wurden. Arnold entwickelt mit einem Team die Technologie weiter, gründet 2005 Paravan und bekommt für das Space Drive System die TÜV-Zulassung. Damit können sowohl Lenkung als auch Gas und Bremse über ein individuelles Eingabegerät betätigt werden, beispielsweise über einen Joystick, der über ein Kabel mit einer Rechnereinheit verbunden ist. So können schwerbehinderte Menschen, die auch ihren Oberkörper nur wenig bewegen können, ein Auto steuern. Das System sollte nicht ausfallen; deshalb verfügt es über eine dreifache Ausfallsicherheit und wurde nach den höchsten Sicherheitsstandards zertifiziert. Es sei das einzige Drive-by-Wire-System, das eine europäische Zulassung nach den ECR-Normen für Gas, Bremse und Lenkung habe, was auch eine Zulassung außerhalb Europas deutlich vereinfache, heißt es.
Um die Space-Drive-Technologie serienreif weiterzuentwickeln, geht Roland Arnold 2018 eine Technologiepartnerschaft mit dem Automobilzulieferer Schaeffler ein. Sie gründen – Arnolds Anteil beträgt zehn Prozent – das Joint-Venture Schaeffler Paravan Technologie GmbH und Co. KG. Die Schaefflergruppe kauft 2018 das Patent der Space-Drive- Technologie. 2022 kauft die Schaeffler AG die restlichen Anteile des Joint-Ventures. Die Paravan GmbH erhält für die behindertengerechten Umbauten die Exklusivrechte.
Derzeit fordert die Wende zur Elektromobilität Paravan heraus. Der Umbau von Fahrzeugen, bei denen teilweise die Unterböden angepasst werden und das zuvor gelieferte Automobil bis zum Chassis zerlegt wird, wird dadurch erschwert. Zuvor wurde zum Beispiel auch das Tanksystem verlegt, um mehr Platz zu erhalten. Das ist bei batteriebetriebenen Autos nicht so einfach möglich und führt zu technischen Herausforderungen, wie Lars Soutschka erklärt, General Director von Paravan.
Außerdem sorgen die Batterien im Auto für ein um Hunderte Kilogramm höheres Gewicht, und durch den behindertengerechten Umbau kommt weiteres Gewicht hinzu. „Dann ist man recht schnell weit über der zulässigen Gesamtmasse für einen Pkw-Führerschein, allein durch den Elektrorollstuhl und die nötigen Umbauten wie Kassettenlift oder Space Drive System“, sagt Soutschka.
Mit 600 bis 800 angepassten Fahrzeugen im Jahr machen die Umbauten den größten Teil des Umsatzes aus. „Wir haben keine standardisierten Fahrzeuge, und kein Fahrzeug gleicht dem anderen“, sagt Soutschka. Die Fertigungstiefe beläuft sich auf 90 Prozent. Teilweise werden Bauteile, die Stückzahlen von fünf bis zehn nicht überschreiten, vor Ort hergestellt, wie Lars Soutschka bei einer Führung durch das Unternehmen schildert.
Der Umbau eines Autos könne 600 bis 800 Arbeitsstunden in Anspruch nehmen. Ein umgebautes Fahrzeug kann einen fünf- bis sechsstelligen Betrag kosten. „Da ist die Frage nach der Finanzierung ein wichtiges Thema. Unsere Kunden sind teilweise jahrelang im Austausch; das ist meist kein Prozess von wenigen Wochen und kann im Worst Case auch mehrere Jahre dauern, bis die Genehmigung der Kostenträger, beispielsweise der Rentenversicherung oder Arbeitsagentur, vorliegt“, sagt Soutschka.
Bemerkenswert ist, dass der Hauptsitz des Unternehmens noch immer in Aichelau auf der Schwäbischen Alb liegt, einem kleinen Örtchen mit wenig Infrastruktur. „Standortliebe, Standortsicherheit, die werden hier sehr, sehr großgeschrieben“, sagt Soutschka. Seit 2014 ist man freilich in den USA aktiv und hat dort Partnerunternehmen. Abwanderung sei aber nie eine Option gewesen, wie Roland Arnold angibt, auch weil Deutschland der Hauptmarkt des Unternehmens ist. Man blicke mit einem gesunden Augenmaß in die USA und strebe nach organischem Wachstum.
Der Umsatz der Paravan GmbH ist in den vergangenen Jahren mit 25 bis 30 Millionen Euro Soutschka zufolge konstant gewesen. Roland Arnold finanziere das Unternehmen alleine durch sein Eigenkapital. Man beschäftigt 180 Mitarbeiter in Aichelau und der Niederlassung in Heidelberg.
Während seiner Recherchen zur Drive-by-Wire-Technologie stieß Arnold auf den Kampfjet Tornado, der mit der Fly-by-Wire-Technik versehen ist. Er war von der Entscheidungskraft der Piloten solcher Maschinen fasziniert. „Der Tornado ist ein Symbol für Schnelligkeit, Mut, Entscheidungsfreude, Innovation und Zielstrebigkeit. Die brauche ich trotz aller Strategie und Verantwortung als Unternehmer“, schreibt er in seiner Biographie. Nun sind seine Mitarbeiter eingeladen, im firmeneigenen Tornado hinter dem Steuer zu sitzen, wann immer eine schwierige Entscheidung ansteht. Er ermutigt sie zu handeln und zu entscheiden. „Wenn es scheiße ist, ist es halt so. Lieber mal um Vergebung bitten als es nicht zu tun.“