Ab auf das gelobte Land

Das nächste Lebensmittelgeschäft ist in ländlichen Gebieten oft weit entfernt. Tante Enso ändert das – und eröffnet eine Filiale nach der anderen.

Ein Konzept, das sich an einer japanischen Zen-Mönch-Tradition orientiert, soll kleine Dörfer in ganz Deutschland bereichern. Die innovative Supermarktkette mit dem Namen Tante Enso, betrieben von der Enso eCommerce GmbH in Bremen, leitet sich von Tante-Emma-Läden ab.  „Enso“ ist japanisch für Kreis und steht für eine traditionelle Übung von Zen-Mönchen, bei der frei Hand ein Kreis gezeichnet wird, der nie perfekt gelingt. Dieser Kreis findet sich auch im Logo von Enso wieder; ein Punkt in der Mitte des Kreises soll symbolisieren, dass der Mensch im Mittelpunkt steht.

 „Wir sind genau wie der Kreis nie perfekt und lernen jeden Tag dazu“, sagt die Abteilungsleiterin für Marketing, Jessica Renziehausen. Den Onlinesupermarkt Tante Enso haben 2016 Norbert Hegmann und Thorsten Bausch in Bremen gegründet. Im Jahr 2019 eröffnete die erste Tante-Enso-Filiale in Blender, einer kleinen Gemeinde bei Bremen. Nach Angaben des Unternehmens hat man am 1. April die 87. Filiale in Betrieb genommen, und zwar im rheinland-pfälzischen Winningen. Das Unternehmen hat außerdem bekannt gegeben, 36 Tegut-Filialen im ländlichen Raum vom Schweizer Handelskonzern Migros kaufen zu wollen. Derzeit liefen noch kartellrechtliche Prüfungen.

 „Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, in kleinen Dörfern mit in der Regel weniger als 3000 Einwohnern die Nahversorgung zu gewährleisten“, sagt Renziehausen. Größere Supermärkte und Discounter lägen auf dem Land oft mehr als fünf Kilometer entfernt, es hätten immer weniger Geschäfte geöffnet. „Wir versorgen die Menschen in ländlichen Regionen 24 Stunden, sieben Tage die Woche mit frischen und vor allem regionalen Lebensmitteln.“

 Sophie Edler aus Aschen bei Diepholz kauft regelmäßig im örtlichen Tante-Enso-Laden ein. Man sei es auf dem Dorf gar nicht mehr gewohnt, mit so kurzen Wegen und rund um die Uhr einkaufen gehen zu können, sagt sie. Es gibt Kassen zum Selbstauschecken und Zeiten, in denen Personal anwesend ist. Die durchschnittliche Fläche eines Ladens beträgt rund 280 Quadratmeter. Auch an Feiertagen stehen den Kunden frische Lebensmittel neben Produkten des täglichen Bedarfs zur Verfügung. Die Läden sind kameraüberwacht; um hineinzukommen, benötigt man eine Tante-Enso-Karte.

Die Produktauswahl umfasst laut Renziehausen bis zu 80 Prozent des herkömmlichen Sortiments der Rewe-Gruppe, die als Großlieferant fungiert. Die übrigen Produkte kommen von kleinen regionalen Anbietern, vorzugsweise in Bioqualität. Insgesamt hat eine Filiale rund 3500 Produkte im Angebot.

Der Umsatz steige stetig. Im Januar 2025 erzielte eine Filiale im Durchschnitt 1010 Euro Umsatz am Tag, im Oktober 1324 Euro, wie Renziehausen berichtet. Man beschäftige knapp 600 Mitarbeiter; viele arbeiteten in den Filialen. Das Unternehmen betreibt auch einen Onlinesupermarkt mit deutlich größerem Sortiment.

Die Kosten für die Eröffnung einer neuen Tante-Enso-Filiale beliefen sich auf etwa 450.000 Euro, sagt Renziehausen. Das Unternehmen ist derzeit noch auf die Fremdfinanzierung durch Investoren angewiesen. „Als weitere Finanzierungsquelle nutzen wir das Genossenschaftsprinzip.“ Für einen Anteilsbeitrag von einmalig 100 Euro könne man Mitglied der Genossenschaft werden und maßgeblich an der Gestaltung des Ladens mitwirken.

Um einen Laden in einem Dorf zu eröffnen, brauche es mindestens 300 Anteilseigner aus der Region. Die Dorfgemeinschaft werbe sie mit einer kreativen Gründungskampagne an. „Interessierte Orte haben auf unserer Internetseite die Möglichkeit, sich mithilfe eines Fragebogens für die Teilnahme an einer Kampagne zu bewerben“, sagt Renziehausen. Die Altersspanne der Genossen reiche von 18 bis 98 Jahren.

Jedem Anteilseigner gehört ein kleiner Teil von Tante Enso. Für jeden Anteil werden jährlich fünf Prozent Anteilsrendite in Form eines Einkaufsguthabens ausgeschüttet. Zusätzlich erhalten Genossenschaftsmitglieder bis zu vier Prozent „Cashback“-Vorteile bei jedem Einkauf. In der jährlichen Generalversammlung, an der man auch online teilnehmen kann, können sie an wichtigen Entscheidungen teilhaben. So können sie die Farbe des Gebäudes und das Sortiment eines neu entstehenden Ladens mitbestimmen. Viel wichtiger sei aber, wieder eine zuverlässige Einkaufsmöglichkeit direkt vor Ort zu haben, sagt Anteilseigner Matthias Hanking aus Aschen.

 Durch Umfragen, Newsletter und die „Wünsch-dir-was-Tafeln“, auf die man Wünsche für das Produktsortiment schreiben kann, stellt man die Partizipation der Anteilseigner und der Kunden sicher. Durch die Einbindung der Dorfbewohner erhielten auch kleine regionale Anbieter die Möglichkeit, Teil des Produktangebots vor Ort zu werden. Die Genossenschaft hat rund 60.000 Mitglieder.

Früher war der Tante-Emma-Laden ein Treffpunkt für das gesamte Dorf. Das soll ein Tante-Enso-Laden auch sein. Hanna Coenen, eine Kundin der Filiale in Aschen, sagt, sie treffe bei fast jedem Einkauf Bekannte aus dem Dorf und könne sich so regelmäßig austauschen. Die Mitglieder der Genossenschaft können zudem Zeiten an Werktagen festlegen, in denen Personal anwesend ist.

Das Unternehmen will laut Renziehausen unabhängig von Investoren werden und weiter expandieren. 2030 sollen es mehr als 250 Filialen in ganz Deutschland sein. Derzeit liegt der regionale Schwerpunkt in den nördlichen Bundesländern, Hessen und Bayern.  Außerdem wolle man die Digitalisierung der Dörfer unterstützen, indem die Kunden in den Geschäften auch medizinische und behördliche Angelegenheiten erledigen können, sagt die Marketingleiterin. 

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, 19.06.2026, Nr. 139, S. 24 - Charlotte Hanking Graf-Friedrich-Schule, Diepholz

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