Bürohengste bekommen den Rücken gestärkt

Ein digitaler Gesundheitscoach für den Schreibtisch.

Rückenschmerzen kommen die Volkswirtschaft teuer zu stehen. Nach Schätzungen der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin haben Muskel-Skelett-Erkrankungen 2024 einen Ausfall an Bruttowertschöpfung in Höhe von 44,2 Milliarden Euro verursacht. Das Start-up Deep Care GmbH aus Ludwigsburg will diese Kosten verringern und bietet eine technische Lösung an, die laut Gründer und Geschäftsführer Milad Geravand die erste ihrer Art auf der Welt ist: ein digitaler Gesundheitscoach namens „Isa“. Dafür nutzt man KI und neuartige 3D-Sensortechnik.

 „Jeder dritte Beschäftigte hat Schmerzen, und es wird von Jahr zu Jahr schlimmer“, sagt  Geravand. Er hat Deep Care  2020 mit vier weiteren Personen gegründet.  „Als ich noch als Ingenieur bei Bosch arbeitete, saß ich täglich acht bis zehn Stunden am Schreibtisch und hatte schon mit Mitte dreißig Rückenprobleme“, erzählt er. Der Wunsch nach einem permanenten Physiotherapeuten an der Seite führte zur Gründung von Deep Care. Doch anders als viele Wettbewerber im Bereich „Corporate Health“ entschieden sich die Gründer gegen eine reine Softwarelösung.

Eine App, die den ganzen Tag die Handykamera benötigt, sei von den Nutzern nicht akzeptiert worden, berichtet Geravand. Zudem sei das Smartphone oft eine Ablenkung. Die Ingenieure entwickelten ein Gerät, das einer kleinen Tischuhr ähnelt. „Isa“ steht auf dem Schreibtisch und nutzt einen datenschutzkonformen Infrarot-Tiefensensor, der nur anonyme Tiefendaten erfasst, also keine Bilder und keinen Ton. Aus den Daten erstellt die KI ein anonymes 3D-Skelett-Modell des Oberkörpers.

Man lege größten Wert auf Datenschutz. Es seien keine Kameras verbaut, betont Geravand. Die Datenverarbeitung der KI finde offline auf dem Gerät statt, sodass keine sensiblen Daten das Gerät verließen. Im Unterschied zu großen Sprachmodellen wie ChatGPT, die als Generalisten für viele Aufgaben trainiert würden, sei die KI ausschließlich auf Ergonomie und Bewegungsverhalten spezialisiert. Das ermögliche kleine, hocheffiziente Modelle, die direkt in die Hardware passten und keine Cloud-Anbindung benötigten. Das System hat Deep Care patentieren lassen.

Der digitale Coach überwacht neben der Körperhaltung auch Umweltfaktoren wie Lichtverhältnisse und Luftqualität sowie die mentale Belastung. Erkennt das System eine ungesunde Haltung oder Stressanzeichen, erscheint auf dem Bildschirm eine geeignete Übung: Rücken, Nacken und Arme stehen zur Auswahl, ein kurzes Video leitet die Bewegung an. Nach rund 50 Sekunden ist die Einheit vorbei. Auch an regelmäßiges Trinken und Bildschirmpausen erinnert das Gerät. In einer dreijährigen Studie der Technischen Universität München mit mehr als 2000 Nutzern in mehr als 50 Unternehmen konnte die Körperhaltung nach Herstellerangaben um 80 bis 90 Prozent verbessert werden.

 Seit Juni 2025 arbeite Deep Care profitabel, sagt Geravand. Das Unternehmen hat seinen Umsatz seit Markteintritt im Februar 2023 zweimal in Folge um 800 Prozent gesteigert und erzielte zuletzt einen Jahresumsatz im höheren siebenstelligen Bereich, wie Geravand berichtet. Man beschäftige rund 30 Mitarbeiter. Insgesamt habe man bislang mehr als 50.000 Nutzer bedient. Zu den 260 bis 270 Unternehmenskunden zählen Konzerne wie Bosch, Eon und die Deutsche Bahn, die das System sogar zur Haltungskorrektur ihrer Mitarbeiter, etwa bei der Gleiswechselkontrolle, einsetzt. Auch das Max-Planck-Institut, der Baukonzern Strabag und die Bundeswehr sind Kunden. Das Gerät ist ebenfalls in den USA, der Schweiz und den Niederlanden erhältlich.

Die Betriebe stellen die Geräte ihren Mitarbeitern in der Regel im Rahmen eines Leihmodells zur Verfügung: Ab 59 Euro je Mitarbeiter für sechs Wochen können die Betriebe das Coaching buchen. Wer das Gerät privat kauft, zahlt knapp 400 Euro für das Basismodell „IsaCore“ und knapp 500 Euro für „IsaPro“ mit zusätzlicher Umweltsensorik. 

Deep Care sei in das Portfolio mehrerer Krankenkassen aufgenommen worden, darunter die Techniker Krankenkasse, die AOK und die DAK, berichtet Geravand. Auch der größte Arbeitssicherheitsanbieter Europas, BG Prevent, habe „Isa“ in sein Programm integriert. Das bedeute, dass die Kosten für das Coaching in vielen Fällen ganz oder anteilig von den Kassen übernommen werden könnten. Das deutsche Krankenkassensystem sei jedoch nicht Start-up-freundlich, kritisiert Geravand. Verträge ließen sich oft nur mit einzelnen Kassen abschließen.  

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, 07.05.2026, Nr. 105, S. 20 - Arend Ense, Mallinckrodt-Gymnasium, Dortmund

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