Da ist die Luft noch lange nicht raus

Wie Mundharmonika-Hersteller Seydel von den Babyboomern profitiert


Als Stevie Wonder 2012 auf der kalifornischen Musikmesse NAMM eine Mundharmonika der C.A. Seydel Söhne GmbH testete, lautete sein Urteil: „I like the way they sound. They are brighter.“ Von dieser Begegnung erzählt man gern in dem Unternehmen aus Klingenthal im Vogtland, das jährlich rund 10.000 Mundharmonikas herstellt, wie Geschäftsführer Lars Seifert berichtet. Mindestens 80 Prozent werden komplett von Hand gefertigt; manche kosten fast 1000 Euro.

Gegründet wurde das Unternehmen 1847. Schon vor dem Ersten Weltkrieg exportierte man in die ganze Welt. Während des Krieges waren Mundharmonikas sehr verbreitet, da sie leicht zu transportieren waren und vielen Soldaten Trost spendeten. In den 1920er-Jahren arbeiteten rund 800 Menschen für Seydel. In der DDR wurde das Unternehmen 1949 verstaatlicht. 1962 wurden rund 23 Millionen Instrumente produziert. 1989, gegen Ende der DDR, produzierten 96 Beschäftigte noch rund 1,1 Millionen Instrumente. Ein großer Teil der Exporte ging in nichtsozialistische Länder, unter anderem in die USA.

Nach der Wiedervereinigung kam das Unternehmen zurück in den Familienbesitz, hatte aber mit existenzbedrohenden wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen. Dann kaufte 2004 eine andere Familie Seydel und positionierte das Unternehmen als kleine Mundharmonika-Manufaktur. „Das Gute war, dass es im Jahr 2004 nur fünf namhafte Hersteller weltweit gab“, berichtet Seifert. Auf dem kleinen Markt hätten interessierte Kunden die Marke Seydel schnell gefunden. Seydel habe sich in kurzer Zeit zum Weltmarktführer entwickelt. Mit Blick auf die Anzahl der Stimmungen sei man mit Abstand der umfangreichste Anbieter; zudem biete man als einziger Hersteller Einzelanfertigungen an.

Seydel ziele nur auf den Markt, auf dem Mundharmonikas als ernsthaftes Musikinstrument betrachtet würden. Dort schätzt man den Marktanteil auf 30 bis 40 Prozent. Als wichtigste Konkurrenten nennt Seifert die Marken Hohner und Suzuki. Seydel beschäftigt 35 Mitarbeiter.

„Wir konzentrieren uns hier im Haus vor allem auf das Herzstück der Mundharmonika, nämlich auf die Tonzungen und auf die Stimmplatten“, berichtet Seifert. Die Tonzungen bestehen aus Edelstahl; die anderen Hersteller benutzten Messing. Edelstahl sei elastischer; die Instrumente klängen besser und seien deutlich langlebiger, erklärt Seifert.

Die Tonzungen werden sorgfältig geformt und auf den Stimmplatten befestigt. Dann wird jede Stimmzunge so bearbeitet, dass sie den richtigen Ton trifft. „Bruchteile von Millimetern entscheiden über hervorragende Qualität“, erklärt der Instrumentenbaumeister Wolfgang Geipel. Sehr komme es auf das Material des Kanzellenkörpers an, sagt Seifert. Der Kanzellenkörper ist das zentrale Bauteil; er bildet die Luftkanäle für die einzelnen Töne, in denen die Stimmzungen schwingen, und bestimmt maßgeblich Klangfarbe, Stabilität und Spielgefühl. Das Material sei eher Geschmackssache. Seydel verwendet verschiedene Materialien, etwa Holz, Kunststoff, Acryl, Aluminium und Edelstahl.

Man bietet 16 Grundmodelle an. „Von einem Grundmodell entstehen teilweise mehrere Hundert Varianten“, betont Seifert. Besonders erfolgreich seien die Modellreihe 1847 und der chromatische Bereich. Das ist der Teil des Tonumfangs, in dem alle Halbtöne ohne Lücken spielbar sind.

Die Instrumente kosten zwischen rund 30 Euro und fast 1000 Euro. Die Nachfrage ist laut Seifert in den vergangenen Jahren gestiegen, vor allem wegen einer höheren Bekanntheit durch Internet und Social Media sowie seit 2006 durch die innovativen Edelstahl-Tonzungen. Insgesamt habe der Markt in den westlichen Ländern aber eher stagniert. „Ein positiver Trend für uns ist, dass die Babyboomer, die jetzt langsam in Rente gehen, die Mundharmonika noch aus ihrer Kindheit kennen.“

Das Unternehmen verkaufe an Anfänger und Profis auf der ganzen Welt, sagt Seifert. Zu den „Seydel-Sales-Partnern“ gehörten der Eagle Musik Shop in Großbritannien, eVillage Music in den USA und Major Pigalle in Frankreich. Prominente Musiker aus der Country- und Bluesszene kaufen bei Seydel. Seifert nennt Charlie Musselwhite, eine Ikone des Blues. Er habe gesagt: „I can’t tell you how much I really, really like these harps.“ Kunde war zudem der Schauspieler Bruce Willis, der auch als Musiker tätig war.

Seydel sei der einzige, ausschließlich in Deutschland produzierende Mundharmonika-Hersteller. „Andere Unternehmen fertigen den Großteil der Instrumente in China“, sagt Seifert. Auch sei man die älteste Mundharmonika-Manufaktur der Welt. Von den rund 10.000 Instrumenten, die man im Jahr verkaufe, seien etwa 1000 Sonderanfertigungen. Rund 75 Prozent des Umsatzes stammten aus dem Export. Die Hauptmärkte seien die USA und China. Für die USA schätzt Seifert den Marktanteil auf mindestens 30 Prozent. Der Umsatz des Unternehmens liegt nach seinen Angaben im mittleren siebenstelligen Bereich. Die Konkurrenz aus China nehme zu. „Gerade im Niedrigpreisbereich können wir nicht mithalten.“

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 18.09.2026, Nr. 217, S. 22 - Maria Hamdou, Friedrich-List-Schule, Kassel

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