Isringhausen stellt Sitze für Busse und Lastwagen her - die haben bisweilen erstaunliche Funktionen
Bus- und Lastwagenfahrer verbringen täglich viele Stunden am Steuer. Der Sitz, auf dem sie Platz nehmen, ist ein Hightechprodukt, das für die Gesundheit und die Sicherheit relevant ist. Die Isringhausen GmbH & Co. KG aus dem westfälischen Lemgo hat sich auf Sitzsysteme spezialisiert. 1919 in Bielefeld als Hersteller von Fahrradsätteln und Technischen Federn gegründet, vollzog man 1957 den entscheidenden Schritt mit dem Umzug nach Lemgo. "Aus den einfachen Fahrradsätteln wurden komplexe Sitzsysteme", berichtet Marketingleiterin Christin Köhler.
Der eigentliche Durchbruch gelang 1987: "Wir waren die Ersten auf der Welt mit einem integrierten Dreipunktsicherheitsgurt im Nutzfahrzeugsitz", sagt Köhler. Die nächste Innovation folgte 1993: "Der weltweit erste elektrisch verstellbare Fahrzeugsitz im Nutzfahrzeugbereich." Heute beschäftigt das Unternehmen rund 7600 Mitarbeiter auf der Welt, etwa 1800 am Hauptsitz in Lemgo. Man produziert jährlich vier Millionen Sitzsysteme ausschließlich für Nutzfahrzeuge.
1991 wurde Isringhausen Teil der Aunde Group, einem der 100 größten Automobilzulieferer der Welt. Die Gruppe besteht aus vier Einheiten. "Aunde macht technische Textilien, Isringhausen die Sitzsysteme, Fehrer ist für Schäume und Komponenten zuständig, und Reinert liefert Kunststoffteile", berichtet Köhler. Die Gruppe könnte theoretisch das gesamte Interieur eines Fahrzeugs ausstatten. Doch haben laut Köhler viele Kunden schon feste Partner. Die enge Abstimmung zwischen den Einheiten ermögliche freilich maßgeschneiderte Lösungen, bei denen alle Komponenten aufeinander abgestimmt seien.
"In den Neunzigern hatten wir in manchen Segmenten mehr als 90 Prozent Marktanteil", berichtet Köhler weiter. "Heute ist das Feld breiter gesät." Mit mehr als 50 Produktionsstätten in 20 Ländern auf allen Kontinenten ist das Unternehmen global aufgestellt.
Ein hervorzuhebendes Produkt ist die ISRI Ti-Sitzplattform; sie wurde 2024 mit dem AGR-Gütesiegel für rückenfreundliche Produkte und dem Red Dot Award für Design ausgezeichnet. "Ergonomie und Design müssen Hand in Hand gehen", betont Köhler. Stolz ist man auf Produkte für den Agrarsektor: "Unsere Sitze mit CAN-Bus-System ermöglichen alles von der dynamischen Geländedämpfung bis hin zur ergonomischen Seitenwangenfunktion mit Luftkammern." Vor allem die Agrarsitze passten sich intelligent an, erkennten das Fahrergewicht, und die Sitzhöhe stelle sich automatisch ein. Das sei wichtig für Landwirte, die in langen Ernteschichten ständig ein- und ausstiegen. Ergänzt wird das System durch Luftkammern in den Seitenwangen, die sich an den Körperbau anpassen lassen.
Baumaschinenhersteller wie Bell Equipment setzen nicht so sehr auf Hightech. "Wir nehmen eher Standard, der Preis ist wichtiger als das Aussehen", sagt Arndt Renner, Leiter des europäischen Logistikzentrums von Bell Equipment. "Die Sitze sind bei uns alle in einem Grauton, müssen möglichst lange halten und entsprechen allen europäischen Normen und Vorschriften." Besonders schätze man, dass jedes Einzelteil als Ersatzteil erhältlich sei. Man baue die Sitze in allen knickgelenkten Muldenkippern ein. "Die Kombination aus Langlebigkeit und Ergonomie ist für unsere Fahrer in den Minen und Steinbrüchen dieser Welt unverzichtbar." Zu den Kunden von Isringhausen zählen auch Daimler Truck, MAN, Volvo und führende Baumaschinenhersteller wie Caterpillar. 2024 erzielte die Isringhausen Group nach Köhlers Angaben einen Umsatz von 1,2 Milliarden Euro.
Autonomes Fahren und Elektromobilität verändern die Anforderungen. "Der Sitz bekommt neue Funktionen", erklärt Köhler. Prototypen mit Relax-Positionen oder integrierten Arbeitsflächen hat man schon entwickelt. In der Relax-Position werden die Beine höher gelagert, was die Durchblutung fördert und entspannt. Schon länger habe man Komfortfunktionen wie Massage integriert, sagt Köhler. Hinzu kommen für die Sicherheit wichtige Funktionen: "Wenn man etwa die Seitenlinie überfährt, hat man Sicherheitswarner, die einen dann mal kurz aufwecken."
Viele Entwicklungen existieren bisher nur als digitale Konzepte oder Messeprototypen. "Bis zur Serienreife ist es noch ein weiter Weg", sagt Köhler. Das liegt nicht nur an technischen Herausforderungen, sondern auch an regulatorischen Hürden: "Wenn der Sitz in Relax-Position ist, muss er im Crashfall trotzdem schützen - das erfordert völlig neue Konzepte." Viele Zulassungsprozesse für autonomes Fahren seien noch nicht definiert.