Das Leben fest im Griff

Mit Vincent-Prothesen einzelne Finger bewegen


Die Vincent Systems GmbH aus Karlsruhe entwickelt seit 2009 multiartikulierte Handprothesen. Motorisierte Gelenke ermöglichen eine unabhängige Bewegung der einzelnen Finger. Das erfolge über myoelektrische Signale der verbliebenen Armmuskulatur, die von Sensoren erfasst und durch eine integrierte Elek­tronik in präzise Greif- und Bewegungsfunktionen umgesetzt würden, erklärt Geschäftsführer Stefan Schulz.

Schulz war Anfang der Nullerjahre am Karlsruher Institut für Technologie Leiter der Forschungsgruppe Bio Robot Lab und entwickelte die erste Handprothese mit Einzelfingerbeweglichkeit auf hydraulische Art mit elastischen, faltenbalgartigen Miniaturantrieben. Diese Faltenbälge sind mit Fluid gefüllt und dehnen sich bei Druckaufbau aus, wodurch die Gelenke der Finger gezielt bewegt werden können. Über kleine Pumpen und Ventile lässt sich der Druck präzise steuern, jede Fingerbewegung kann kontrolliert ausgeführt werden. Diese Technik war auch die Grundlage der Fluidhand-Prototypen von Vincent Systems, bevor motorische Antriebe die heutige multi-artikulierte Steuerung ermöglichten.

 Mit den Prothesen kann man eine Kirschtomate greifen und eine Flasche öffnen. Auf der Internetseite des Unternehmens berichtet ein Nutzer, damit kraulen zu können. Auch Tauchen, Schnorcheln und Stand-up-Paddling seien möglich. Eine Nutzerin hebt das praktische Aufladen der Prothese über einen USB-C-Ladeanschluss mithilfe einer Powerbank hervor, was Outdoor-Aktivitäten und das Reisen in ferne Länder ermögliche.

 Das Unternehmen beschäftigt 40 Mitarbeiter und erwirtschaftet einen Umsatz im zweistelligen Millionenbereich. Mit einer dreistelligen Zahl an Kunden und Hunderten verkauften Prothesen im Jahr sei man international bekannt, vor allem in Europa, Nordamerika und Australien.

Vincent Systems bietet robuste Erwachsenenmodelle an, eine leichte Kinder- und Jugendprothese und modulare Teilhandsysteme. Die Prothesen wiegen 300 bis 480 Gramm, in etwa so viel wie die Hand eines Erwachsenen. „Wir haben eine mitwachsende Handprothese gerade für Kinder und Jugendliche“, berichtet Schulz.

Nach Angaben aus einem Radiointerview von 2017 lagen die Produktionskosten einer Handprothese bei rund 10.000 Euro. Samt orthopädischen Dienstleistungen wie Gipsabdrücken, Beratung und Betreuung könnten Gesamtkosten von bis zu 50.000 Euro entstehen. Diese werden in der Regel von der Krankenkasse übernommen.

Die Prothesen bestehen aus Titan und Aluminiumlegierungen für die tragende Struktur und aus carbonfaserverstärkten Kunststoffen, die zur Gewichtsreduktion und Festigkeit beitragen. Silikonüberzüge verbessern die Griffigkeit. Vincent Systems gehörte 2017 zu den drei Nominierten des vom Bundespräsidenten verliehenen Deutschen Zukunftspreises. 

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 02. April 2026, Nr. 78, S. 24 - Franziska Baumann, Gymnasium Neckartenzlingen

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