Life Teach Us vermittelt Experten an Schulen, damit Ausfallstunden sinnvoller genutzt werden. Das gefällt nicht jedem.
„Es ist eigentlich eine Bankrotterklärung“, konstatiert Anja Bensinger-Stolze, Vorstandsmitglied der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), mit Blick auf den Lehrermangel an deutschen Schulen. Nach Prognosen der Kultusministerkonferenz (KMK) ergibt sich bis zum Jahr 2035 eine Lücke von rund 27.000 Lehrkräften. Die Life Teach Us gGmbH aus Berlin bietet dafür eine Teillösung an, in der Technologie eine wichtige Rolle spielt. Über eine App vermittelt das Unternehmen ehrenamtliche Fachleute, sogenannte Life Teacher, direkt in die Klassenzimmer, wo sie Wissen etwa zu Finanzen, Berufsplanung und Alltagskompetenzen weitergeben. Dafür verfügt man über einen Pool von knapp 22.000 registrierten Ehrenamtlichen, auf den Schulen über eine Echtzeit-Schnittstelle zugreifen können.
„Das, was wir machen, soll deutschlandweit funktionieren, ohne dass wir eingreifen müssen“, erklärt Ludwig Thiede, der Gründer des Unternehmens, den hohen Automatisierungsgrad der Plattform. Passende Fachleute werden sofort übermittelt. Weil Unterrichtsausfall in der Regel sehr kurzfristig auftritt, ist die Schnelligkeit des Netzwerks wichtig für den ökonomischen Erfolg.
Die Ehrenamtlichen können Anfragen per Smartphone annehmen und werden teilweise noch am selben Tag tätig. Bisher habe man rund 5300 „Life Lessons“ vermittelt, auch per Videokonferenz. „Jeder, der bei uns in die Schulen geht, muss ein erweitertes Führungszeugnis vorlegen“, stellt Thiede klar. Die staatliche Aufsichtspflicht verbleibe aber stets bei einer anwesenden Lehrkraft.
Doch warum schickt man diese nicht einfach vor die Klasse, wenn ein Kollege ausfällt? Oft unterrichtet sie andere Fächer, und es findet nur eine Stillbeschäftigung statt. Die Ehrenamtlichen bringen hingegen neue Expertise in den Klassenraum. An der St. Angela-Schule in Königstein im Taunus wurde das Konzept getestet. Die Schülerinnenvertretung hatte eine sinnvollere Nutzung von Ausfallstunden gefordert. Lena Riemann, Lehrerin für Mathematik, Biologie und Informatik, erprobte das Modell in einer fünften Klasse im Fach „Digitale Bildung“ mit einer Videokonferenz zum Thema Künstliche Intelligenz. „Dadurch, dass ich während der Stunde anwesend war, konnte ich die Inhalte gemeinsam mit der Klasse vor- und nachbereiten und offene Fragen im Anschluss aufgreifen“, sagt sie.
Oliver Leiste, Lehrer für Naturwissenschaften an der Christlichen Gesamtschule Bleibergquelle Velbert, bewertet den organisatorischen Aufwand über die App als „gering, schnell und unkompliziert“. Er nutzte das Netzwerk, um für einen Wahlpflichtkurs zum Thema Boden den Diplombiologen Roland Heynkes mit einem interaktiven Onlinereferat einzubinden. „Ich denke, alleine eine externe Fachkraft einzubringen, ist schon ein Zugewinn“, sagt Leiste. Die Resonanz der rund 20 Schülerinnen und Schüler sei durchweg positiv gewesen.
Doch es gibt auch Grenzen und Stolperfallen. Zum einen fehlt vielen Schulen die administrative Kapazität, um solche Angebote zu koordinieren. Und Leiste warnt davor, die Ehrenamtlichen als „billiges Lehrpersonal“ zu missbrauchen. Er ist zudem gegen eine Kommerzialisierung der Bildung, in der staatliche Kernaufgaben an private Akteure ausgelagert werden.
Bevor eine „Life Lesson“ angeboten werden kann, müssen die Ehrenamtlichen ihr Konzept Life Teach Us vorlegen. Derzeit sind in ganz Deutschland rund 600 Schulen und knapp 2000 Lehrkräfte auf der Plattform registriert. „Nach jeder Life Lesson gibt es eine Bewertung von den Lehrkräften und den Schülern“, sagt Thiede. Bei Mängeln reagiere man konsequent. Man führe Gespräche oder sperre Profile im Zweifel auch.
Thiede, der Werbung und Marktkommunikation studiert hat, entwickelte die Grundidee im Jahr 2016 während seiner eigenen Schulzeit. Die sei ausschlaggebend gewesen: „Viele Ausfallstunden und gleichzeitig das Gefühl, dass wichtige Lebenskompetenzen im Bildungssystem zu kurz kommen.“ Seit 2024 firmiert die Organisation als gemeinnützige GmbH. Man verfolge keine privaten Gewinnabsichten, sondern wolle einen gesellschaftlichen Effekt erzielen.
In nur zwei Jahren, berichtet Thiede, sei die Zahl der Life Teacher von etwa 1000 auf fast 22.000 gestiegen. Das Team besteht aus acht fest angestellten Mitarbeitern, die ein Budget im sechsstelligen Bereich verwalten, das primär aus Spenden und von Stiftungen stammt. Die Experten aus der Praxis vermitteln Wissen in den Bereichen „Leben“ und „Karriere“, es geht um Kompetenzen, die über den klassischen Lehrplan hinausgehen. Das Spektrum reicht von Finanzbildung, etwa zu Versicherungen und Steuern, bis hin zu praxisnaher Berufsorientierung durch Handwerksmeister und Softwareentwickler. Weitere Themen sind Stressbewältigung, Erste Hilfe, Nachhaltigkeit und Künstliche Intelligenz.
Das Unternehmen verhandelt mit den Bildungsministerien der Länder über Kooperationen, in denen die Länder eine pauschale Lizenzgebühr für die Bereitstellung der digitalen Plattform und den Zugang zum Expertenpool entrichten würden. Auf diese Weise könnten Tausende Vertretungsstunden inhaltlich aufgewertet werden, meint Thiede.
Anja Bensinger-Stolze sieht in der Auslagerung von Unterricht an schulfremde Personen allerdings die Gefahr der Deprofessionalisierung und Dequalifizierung. „Wenn man der Meinung ist, da kann jeder einfach kommen und aus seinem Leben erzählen und das soll Unterricht sein, dann muss man sagen, das ist es nicht“, sagt die Gewerkschafterin. Die GEW befürchtet zudem einen „Türöffner-Effekt“ für weitere Privatisierungen im Bildungswesen.
Um die soziale Diversität der „Life Teacher“ zu erhöhen und nicht nur finanziell besser ausgestattete Akademiker zu erreichen, prüft das Unternehmen die Einführung von Aufwandsentschädigungen. Die GEW fordert unterdessen, dass staatliche Mittel nicht für externe Projekte genutzt werden sollten, sondern vorrangig für fest angestelltes Personal und multiprofessionelle Teams. „Wenn wir das Geld dafür benutzen würden, müssten wir nicht mit solchen Angeboten nacharbeiten.“