Der kurze Brief zur langen Diagnose

Einen Arztbrief zu schreiben, kostet viel Zeit – es sei denn die KI von myScribe übernimmt diese Aufgabe

So mancher angehende Arzt mag davon träumen, später den größten Teil des Tages zu operieren oder Menschen zu behandeln. In Wirklichkeit besteht die Arbeitszeit jedoch zu großen Teilen aus der medizinischen Dokumentation. Dass der Alltag von der ursprünglichen Erwartung abweicht, hat auch Ira Stoll, Gründerin und Geschäftsführerin der myScribe GmbH aus Mannheim, nach ihrem Medizinstudium erfahren.

Während eines Praktikums an der Harvard Universität in Cambridge in den USA lernte sie das Konzept der „Scribes“ kennen. Das sind Schreibkräfte, die alles dokumentieren, während sich die Ärzte auf die Patientenversorgung konzentrieren. In Deutschland dokumentieren die Ärzte hingegen selbst. „Es zerstört den Arztberuf“, findet Stoll.

Als 2022 ChatGPT der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde, entstand die Idee eines KI-generierten Arztbriefs. Gemeinsam mit Softwareentwickler und Ehemann Lars Stoll gründete  Ira Stoll 2022 myScribe, finanziert durch ein Gründerstipendium. Entstanden sei der erste KI-generierte Arztbrief Deutschlands, sagt Stoll. Er wird von einer Software mithilfe eines Large Language Modells (LLM) erzeugt und an die Fachrichtung angepasst.

Um einen Arztbrief erstellen zu lassen, muss zunächst alles dokumentiert sein. Dann generiert das LLM einen Vorschlag für den Arztbrief, den der Arzt kontrolliert, korrigiert und anschließend zur sogenannten Vidierung, zum Abzeichnen, freigibt.  Mit dem Vidierungssystem in der myScribe-App gibt der Oberarzt den Brief dann endgültig frei.

Über Networking-Veranstaltungen fand man schon  im ersten Quartal 2023 den ersten Kunden, das Bethanienklinikum Moers. „Qualität und Fakten garantieren wir damit, dass Ärzte und Ärztinnen den Brief am Schluss noch mal durchlesen müssen“, erklärt Stoll. Sie können sich die Quellen anzeigen lassen, indem sie im Programm das entsprechende Wort auswählen.

Außerdem prüft ein Kontrollmodell das LLM und initiiert bei falschen Informationen eine abermalige Erstellung des Arztbriefs. So soll sichergestellt sein, dass das LLM nicht halluziniert, also keine Informationen erfindet. Der Datenschutz werde dadurch gewährleistet, dass alles lokal in der Klinik gespeichert werde. Dabei gelten die strengen Vorgaben der DSGVO und die Datenschutzricht­linien der Klinik gleichermaßen. Nach dem AI Act der Europäischen Union sei myScribe kein Hochrisikoprodukt, weil die Software nicht in den Behandlungsprozess eingreife und die Mediziner den Brief am Ende unterschreiben müssten.

Steffen Schulz, Oberarzt für Orthopädie und Unfallchirurgie im Uniklinikum Mannheim, ist seit Oktober 2024 Nutzer von myScribe. Das Kollegium habe aufgeschlossen auf die Einführung reagiert. Zu Beginn habe es, wie bei der Einführung neuer digitaler Systeme üblich, technische Abstimmungsprozesse gegeben, etwa im Bereich der Zugriffsrechte auf Krankenhaus-Server. Das habe den Dokumentationsaufwand vorübergehend erhöht. Nach der Einführung habe sich jedoch eine spürbare Entlastung im Arbeitsalltag gezeigt. Nach Angaben von  myScribe kann die Nutzung des Programms zu einer Zeitersparnis von bis zu 66 Prozent führen.

Das Unternehmen beschäftigt rund ein Dutzend Mitarbeiter. Das Programm wurde im Oktober 2025 in zwölf Kli­niken in ganz Deutschland genutzt. Man rechnet damit, in diesem Jahr  wei­tere 30 Kliniken als Kunden dazuzugewinnen.

 Zur Nutzung von myScribe werden ein Clinical Data Repository (CDR) und ein KI-Server benötigt. Ein CDR führt die Daten mehrerer Quellen in Echtzeit korrekt zusammen und erleichtert so den übersichtlichen Zugriff. Ein KI-Server ist auf die Verarbeitung sehr großer Datenmengen und Programme mit KI ausgelegt und kostet rund 60.000 Euro. In der Regel testet eine Pilotstation das Programm zunächst drei Monate lang. Bis zur end­gültigen Einführung des Systems vergehen normalerweise zwölf bis 18 Monate. Je Fall – die komplette Dauer eines Krankenhausaufenthalts eines Patienten – kostet myScribe zwei Euro. „Wenn ein Krankenhaus 20.000 Fälle im Jahr hat, kostet myScribe 40.000 Euro im Jahr“, sagt Stoll.

 Es gebe inzwischen viele „Medical Scribes“. „Die machen aber etwas anderes“, sagt Stoll. Sie erzeugten Daten, indem sie bei Arzt-Patienten-Gesprächen zu­hörten. „Und wenn über ein Patientengespräch Daten erzeugt werden, können wir die verwenden, um den Brief zu schreiben.“ Diese Unternehmen seien mögliche Partner.

Während myScribe 2024 laut Stoll hauptsächlich durch Pilotlizenzen einen Umsatz im unteren fünfstelligen Bereich generiert habe, liege der Umsatz im Jahr 2025 im mittleren sechsstelligen Bereich. 2024 habe man durch eine Investitionsrunde 900.000 Euro erhalten. Derzeit ar­beite man an einem Programm für niedergelassene Ärzte.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, 03.06.2026, Nr. 126, S. 21 - Carina Angele, Liselotte-Gymnasium, Mannheim

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