Hygiene als Grundrecht: In Hamburg ermöglicht der Duschbus von GoBanyo Obdachlosen Körperpflege. Nachahmern in anderen Städten bietet man Unterstützung an.
Das Hamburger Projekt GoBanyo sorgt dafür, dass Menschen ohne festen Wohnsitz ein Grundbedürfnis erfüllt wird. Ehrenamtliche Helfer fahren regelmäßig mit einem farbig gestalteten Linienbus durch die Stadt. Der Bus verfügt über zwei 1250-Liter-Tanks für Frisch- und Schmutzwasser und ist ein mobiles Hygienezentrum mit drei voll ausgestatteten Badezimmern. Es gibt Duschen, Toiletten, Waschbecken, wasserdichte Schränke mit Steckdose. Ein Bad ist barrierefrei; es hat eine Rampe und ein höhenverstellbares Waschbecken. Die Nutzer können duschen und bekommen saubere Kleidung.
Begonnen hat das Projekt im Dezember 2019. Bisher habe man gut 33.000 Duschen ermöglicht, heißt es von GoBanyo. „Nach einer Dusche mit frischen Klamotten und netten Leuten geht’s mir immer gut“, sagt auf der Homepage von GoBanyo der auf der Straße lebende Hessam.
Der Bus ist fünf Tage in der Woche im Einsatz und fährt feste Standorte zu konstanten Zeiten an. Das Angebot steht allen Obdachlosen offen. Für Frauen gibt es jeden Samstag den „Ladies Day“. Dann können nur sie die Duschen nutzen, so wird ihnen ein geschützter Raum geboten. Je nach Jahreszeit nutzen zwischen 17 und 35 Personen täglich dieses Angebot — unabhängig von Feiertagen oder Wochenenden. Denn das Bedürfnis nach Hygiene besteht an jedem Tag.
Die Idee für das Projekt hatte Dominik Bloh, der als Minderjähriger auf der Straße gelandet war, wo er gut zehn Jahre lang lebte. Dennoch machte er Abitur. Sebastian Krüger, der heutige Geschäftsführer von GoBanyo, erzählt, dass Bloh damals oft nicht wusste, wo er duschen oder zur Toilette gehen konnte – aus dieser Erfahrung heraus habe er die Vision des Duschbusses entwickelt. In Kooperation mit der Hamburger Hochbahn wurde ein ausgemusterter Linienbus mit einer Laufleistung von 890.000 Kilometern umgebaut. Für die Finanzierung des Umbaus wurden 2019 über eine Crowdfunding-Kampagne 168.000 Euro gesammelt.
GoBanyo arbeitete eng mit der amerikanischen Organisation Lava Mae zusammen, die das Team über längere Zeit fachlich begleitete. Man konnte von den Erfahrungen der US-Initiative lernen. GoBanyo ist eine gemeinnützige GmbH: 63 Prozent der Anteile liegen bei Clubkinder e.V., Hanseatic Help e.V. und der Viva con Agua Stiftung. Die übrigen 37 Prozent verteilen sich auf Einzelpersonen mit Fachwissen oder Erfahrungen in Bereichen wie Nachhaltigkeit, Marketing und Wohnungslosigkeit; zu ihnen gehören neben Bloh und Krüger Gülay Ulaş, Chris Poelmann und Jannes Vahl.
Das Team besteht aus neun hauptamtlichen Mitarbeitern, zwei Bundesfreiwilligendienstleistenden und mehr als 100 Ehrenamtlichen. Fahrerinnen, Reinigungskräfte und Unterstützer aus dem Bildungsbereich sichern einen reibungslosen Ablauf. „Wir leben von der Teilhabe der Menschen. Ohne das ehrenamtliche Engagement könnten wir die Duschen nicht anbieten“, sagt Krüger.
Finanziell arbeitet GoBanyo unter engen Rahmenbedingungen. Nach dem Jahresbericht beliefen sich die Einnahmen 2020 auf 690.409 Euro, darunter 448.036 Euro Spenden und 235.652 Euro Zuschüsse. Dem standen Ausgaben in Höhe von 236.773 Euro gegenüber. 2022 lagen die Einnahmen bei 415.500 Euro und die Ausgaben bei 531.800 Euro.
Für 2023 weist der hinterlegte Jahresabschluss Einnahmen von 508.391 Euro und Ausgaben von 602.738 Euro aus; der Jahresfehlbetrag konnte über zweckgebundene Rücklagen aus den Vorjahren ausgeglichen werden. Interne Controllingdaten für 2024 zeigen eine positive Entwicklung: Die Einnahmen lagen bei rund 760.000 Euro und die Ausgaben bei etwa 660.000 Euro. Die Ausgaben fließen vor allem in Personalkosten. Der Großteil der Einnahmen stammt aus Spenden von Privatpersonen und Unternehmen. Der Umbau eines zweiten Duschbusses wird zudem zu rund 80 Prozent durch Stiftungen finanziert. Er kostet rund 300.000 Euro.
Zusätzlich kooperiert GoBanyo mit verschiedenen Unternehmen, deren Produktverkäufe teilweise Spenden generieren. Ein Beispiel ist das GoBanyo-Duschgel in Zusammenarbeit mit der Hamburger Brooklyn Soap Company. Man verwirklicht auch Bildungs- und Medienprojekte, zum Beispiel die 20 Minuten lange VR-Experience „unhome“, die das Leben auf der Straße erfahrbar machen soll und kostenlos auf der Meta Quest 3, einem VR/Mixed-Reality-Headset, verfügbar ist.
GoBanyo hat im November 2023 die Organisation für das Projekt Sonnenschein Café übernommen, ein Pop-Up-Café für Menschen auf der Straße und Menschen in Armut, wo Kaffee, selbstgebackene Kuchen und frische Sandwiches kostenlos ausgegeben werden.
GoBanyo bezeichnet sich als Open-Source-Projekt: Man unterstützt Städte und Initiativen, die ein ähnliches Modell planen, etwa mit Beratungsunterlagen. Ein Beispiel ist Hannover: Dort entstand in enger Zusammenarbeit mit GoBanyo ein mobiler, etwa 19 Meter langer Duschanhänger, der seit Mitte April 2024 etwa 20 bis 25 Personen am Tag das Duschen ermöglicht.
Ein weiterer Duschbus soll in naher Zukunft fertiggestellt und in Betrieb genommen werden. „Wir machen so lange weiter, wie wir genügend Spenden erhalten und unsere Arbeit gebraucht wird“, erklärt Gülay Ulaş von GoBanyo. Ziel sei, das bestehende Angebot zu stabilisieren, trotz steigender Kosten durch Inflation und zunehmende Material- und Energiepreise.
Krüger betont: „Hygiene ist kein Luxus, sondern ein Grundrecht.“ Mobile Angebote wie der Duschbus lieferten eine Antwort auf bestehende Versorgungslücken. „Waschen ist Würde“ – mit diesen Worten wird der auf der Straße lebende Lari auf der Homepage von GoBanyo zitiert.