Immer so ein Theater ums Outfit

„Babylon Berlin“, „Das Damengambit“ und „Der Brutalist“: Theaterkunst aus Berlin, Europas größtes Kostümhaus, stattet viele berühmte Filme und Serien aus.

Zum Erfolg internationaler Streaming-Hits und historischer Kinoproduktionen trägt die Theaterkunst GmbH aus Berlin-Halensee bei. Seit der Gründung im Jahr 1907 hat sich das Unternehmen zum führenden Kostümhaus Europas entwickelt. Nach eigenen Angaben verfügt man über einen Bestand von rund zehn Millionen Kostümteilen. Sie werden für Filme, Serien, Werbung und Musikvideos verliehen.

„Mephisto“, „Lola rennt“, „Tony Erdmann“, „Das Damengambit“, „Frankenstein“, „Der Brutalist“, „Babylon Berlin“: Man listet viele bekannte Filme und Serien als Referenzen auf, auch Fritz Langs „Metropolis“ aus den 1920er Jahren. Das Kostüm einer Tänzerin aus diesem Film habe das Atelier vor Kurzem originalgetreu rekonstruiert, sagt Manja Raßmus, Leiterin der Unternehmenskommunikation. Eingekleidet wurde auch Marlene Dietrich für „Der blaue Engel“. Der Fundus der Theaterkunst war nach dem Zweiten Weltkrieg durch Zerstörung und Plünderung fast auf null gesunken; Anfang der Sechzigerjahre war wieder ein Grundstock aufgebaut.

Das Unternehmen verleihe seine Ware ausschließlich an professionelle Kostümbildner und Stylisten, Privatpersonen könnten keine Kostüme mieten, sagt Raßmus. 99 Prozent des Umsatzes stammten aus der Film- und Medienbranche. Theater machten nur einen sehr geringen Teil des Umsatzes aus, sagt Geschäftsführerin Andrea Peters: „Dort ist oft ein eigener Kostümfundus vorhanden.“

Das Hauptgeschäft macht mit einem Anteil von 95 Prozent der Verleih aus, den Rest steuern Maßanfertigungen im hauseigenen Atelier bei, wie Peters berichtet. Der Umsatz bewege sich im siebenstelligen Bereich; er sei langfristig gestiegen. Das Geschäft hängt stark von äußeren Faktoren ab. So seien 2023 wegen des großen Schauspieler- und Drehbuchautorenstreiks in den USA viele internationale Produktionen in Europa abrupt auf Eis gelegt worden, erzählt Peters.

Weil das Kostümteam in einer Filmproduktion meistens erst relativ spät in der Vorbereitung fest eingeplant werde, komme es immer wieder zu kurzfristigen Absagen, wenn etwa die Anschlussfinanzierung eines Films doch noch scheitere, sagt Peters. Um sich dagegen abzusichern, verlangt man laut Raßmus nach 28 Tagen auch mal eine Reservierungsgebühr. Wenn ein Team Kostüme schon ausgesucht habe und das Projekt dann gestoppt werde, falle eine „Restocking-Fee“ an für das Zurücksortieren in die Hallen.

Die GmbH gehört seit dem Jahr 2018 dem Ehepaar Kerstin und Christoph Giulini. Um wirtschaftlich stabil zu bleiben, hat man stark auf Internationalisierung gesetzt, wie Peters schildert. Da Produktionsfirmen immer öfter im Ausland drehen, ist die Theaterkunst mit Tochtergesellschaften in Köln, Penzing, Wien, Budapest, Prag und Warschau präsent. Der internationale Anteil am Geschäft liegt bei rund 50 Prozent. Die Kostüme werden bis nach Kanada, Südafrika und in die USA geliefert.

Derzeit nimmt das Unternehmen die baltischen Staaten Estland, Litauen und Lettland sowie die Slowakei, Bulgarien und Rumänien in den Blick. Dort würden durch neue Studiobauten immer mehr internationale Großprojekte realisiert, sagt Peters. Dass so viele Produktionen aus Deutschland abwanderten, liege vor allem an der staatlichen Filmförderung. In Deutschland gebe es zwar Fördersätze von rund 30 Prozent; doch sei das System bürokratisch und nicht automatisiert. In anderen Ländern funktioniere die Förderung über unkomplizierte

Steueranreizmodelle. Auf den Kanarischen Inseln zum Beispiel bekomme eine Produktion sogar bis zu 54 Prozent der Kosten erstattet, die sie vor Ort ausgebe.

Peters beklagt steigende Kosten für Reinigung, Logistik, Mieten und Energie. Die professionelle Reinigung der Textilien nach den Dreharbeiten kostet jedes Jahr einen sechsstelligen Betrag. Am Hauptsitz in Berlin müssen rund 5500 Quadratmeter Fläche klimatisch stabil gehalten werden. Weil man die Fixkosten kaum senken könne, hilft laut Peters nur eine Steigerung des Auftragsvolumens. Das Unternehmen nutze dafür Social Media, verschicke Newsletter und organisiere Veranstaltungen wie den Kostümstammtisch. Zudem hat man die Preise für den Verleih um etwa ein bis vier Euro je Kleidungsstück erhöht. Die Produktionsfirmen hätten das akzeptiert.

Damit die rund 26 Mitarbeiter den Überblick behalten, herrscht ein strenges Ordnungssystem. Sortiert wird primär nach Epoche und ab dem Jahr 1900 nach Jahrzehnten. Einen Fachkräftemangel spürt das Unternehmen nicht. Plätze für ein Pflichtpraktikum im Rahmen eines Studiums seien international gut nachgefragt, heißt es.

Beeinflusst wird das Geschäft von der Entwicklung der Künstlichen Intelligenz (KI). Aufträge aus dem Bereich der schnellen kommerziellen Werbung, wo viel KI eingesetzt werde, gingen zurück. Mit Blick auf epische Filme und serielle Langformate dürften physische Kostüme jedoch auch langfristig im Vorteil sein, sagt Peters. Zwar sei die Erstellung eines digitalen Doubles inzwischen Standard, eine komplett digitale Ausstattung von Hauptcharakteren sei aber oft noch zu teuer und künstlerisch unkalkulierbar.

Ein Kostentreiber sei, wenn es digital gemacht werde, dass der Regisseur im Schneideraum das Gefühl habe, er könne immer noch Sachen ändern. „Das ist eine never ending story.“ Wenn ihm der blaue Look der Kostüme nicht gefalle, überlege er, wie das wäre, wenn alles eher ins Grüne gehe. „So ist es im Moment wirklich noch billiger, es real und analog zu machen.“

Das traditionelle Handwerk der Schneiderinnen und Gewandmeisterinnen sei das Fundament des unternehmerischen Erfolgs, betont Raßmus. Sie besitzen das Fachwissen, wie historische Schnitte nach alten Schnittmustern hergestellt und alte Textilschätze konserviert werden müssen. Damit das Unternehmen auch in der ferneren Zukunft historisch akkurat arbeiten kann, sammelt es systematisch authentische Alltagskleidung aus den 2020er-Jahren.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, 03.09.2026, Nr. 204, S. 21 - Julika Rubitschek, Landgraf-Ludwigs-Gymnasium, Gießen

zurück