Weder Fisch noch Fleisch

Algen sind nährstoffreich, benötigen zum Wachstum kaum Fläche und binden CO2. Dennoch werden sie in Deutschland kaum produziert. Eine Genossenschaft will das ändern.

Algen gelten als ein besonders zukunftstaugliches Lebensmittel. Sie wachsen schnell, benötigen kaum Fläche, kommen ohne Pestizide aus und liefern eine hohe Nährstoffdichte. Während sich in Ländern wie China und Indien längst eine milliardenschwere Algenindustrie etabliert habe, stecke die kommerzielle Algenproduktion in Deutschland noch immer in den Anfängen, sagt Ulrich Averberg, der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Algen Genossenschaft eG (DAG) in Ahlen. Ziel der Genossenschaft sei es, Mikroalgen als regional produziertes, nachhaltiges Lebensmittel in Europa zu etablieren. „Wir wollen zeigen, dass Algen nicht zwangsläufig aus Asien kommen müssen, um hochwertig, gesund und bezahlbar zu sein“, sagt Averberg.

Gegründet wurde die Deutsche Algen Genossenschaft im Jahr 2020. Der landwirtschaftliche Betrieb, aus dem die Genossenschaft hervorgegangen ist, besteht schon seit dem Jahr 1389. Die DAG zählt 28 Mitglieder und vereint elf Erzeugerbetriebe in Norddeutschland. Gemeinsam sind sie nach DAG-Angaben die größten Algenproduzenten Europas.

Jedes Mitglied beteiligt sich mit Kapital und Arbeitsleistung; erwirtschaftete Gewinne werden reinvestiert, etwa in neue Anlagen, Forschung oder den Ausbau der Produktion. Im Zentrum der Arbeit stehen Mikroalgen, vor allem Spirulina und Chlorella. Diese Arten sind besonders nährstoffreich. Spirulina enthält rund 60 Prozent pflanzliches Eiweiß sowie Eisen, Vitamin K, Betacarotin und alle essenziellen Aminosäuren. Chlorella liefert Chlorophyll, Omega-3-Fettsäuren, Spurenelemente und natürliche Vitamin-B12-Verbindungen. „Mi­kroalgen sind echte Nährstoffpakete“, sagt Averberg. „Sie bieten eine hohe biologische Wertigkeit und passen hervorragend zu einer pflanzenbasierten Ernährung.“

Die Algen wachsen ausschließlich mit Sonnenlicht, sauberem Wasser und CO2. Sie benötigen keine Ackerflächen und konkurrieren nicht mit dem klassischen Pflanzenanbau, wie Averberg erklärt. „Unsere Algen sind ein echtes Klimaprodukt. Sie binden CO2, wachsen sehr schnell und kommen mit vergleichsweise wenig Ressourcen aus.“ Produziert wird in großen Gewächshausanlagen in Ahlen. Dort wachsen die Mikroalgen sowohl in offenen Becken als auch in geschlossenen Kultursystemen, die mit warmem Wasser gefüllt sind und kontinuierlich in Bewegung gehalten werden.

Licht, Temperatur und Wasserqualität würden täglich überwacht, versichert Averberg. Wenn die Algen nach zehn Tagen ihre volle Reife erreicht haben, wird die Biomasse geerntet, entwässert und anschließend bei Temperaturen unter 26 Grad für zwei bis drei Tage getrocknet. Diese schonende Verarbeitung ist laut Averbeg entscheidend für die Qualität. „Viele asiatische Produzenten trocknen bei deutlich höheren Tempe­raturen“, sagt er. „Dabei gehen hitzeempfindliche Vitamine und Enzyme verloren.“

Den globalen Algenmarkt bedienen überwiegend industrielle Produzenten aus China und Indien. Sie stellen oft sogenannte Roh-Bulkware her, die lose und unverpackt in großen Mengen zu niedrigen Preisen gehandelt wird. Die Ware wird häufig weiterverarbeitet, portioniert oder als Zutat für Nahrungsergänzungsmittel verwendet, wie Averberg berichtet. Qualität, Rückverfolgbarkeit und Schadstoffkontrollen seien dabei nicht immer gewährleistet. Die Deutsche Algen Genossenschaft setzt hingegen auf 100 Prozent deutsche Produktion, kurze Transportwege, Trinkwasserqualität, keine Pestizide, keine Gentechnik sowie vegane und glutenfreie Standards. Zudem legt sie großen Wert auf Transparenz und Rückverfolgbarkeit.

„Viele Verbraucher sind inzwischen sensibel, was die Herkunft von Nahrungsergänzungsmitteln betrifft“, sagt Averberg. Immer wieder gebe es Berichte über Schwermetalle oder Verunreinigungen in importierten Algenprodukten. „Wir wollen hier eine sichere, regionale Alternative bieten.“

Derzeit werden Algen in Deutschland überwiegend als Nahrungsergänzungsmittel konsumiert, meistens in Pulver- oder Tablettenform. Eine Monatsration der DAG-Produkte kostet nach Averbergs Angaben rund 20 Euro.

Der europäische Markt ist im Vergleich zu Asien zwar noch klein, wächst jedoch seit Jahren stetig. Im Jahr 2025 wurde laut Averberg ein „erfreulicher“ Umsatz von rund 100.000 Euro im Nebengeschäft erzielt. „Wir sind im Aufbau unseres Geschäfts.“ Immer mehr Verbraucher interessierten sich für nachhaltige Proteinquellen und pflanzenbasierte Ernährung.

Die DAG plant die Verwendung neuer Algenarten, Naturkosmetikprodukte mit Algenanteilen, Anwendungen im Tierfutterbereich und mehr Export in andere europäische Länder. Man kooperiere mit Hochschulen und Forschungseinrichtungen, um neue Einsatzgebiete zu erschließen, etwa in Fleischersatzprodukten, als natürlicher Farbstoff oder als CO2-Speicher im Klimaschutz.

Die Arbeit in der Algenproduktion sei anspruchsvoll, sagt Averberg. Die Kulturen müssen täglich kontrolliert werden, Ausfälle können ganze Chargen gefährden. Die Produktion läuft an sieben Tagen in der Woche. Die Mikroalgen werden in geschützter Umgebung angebaut, um sie vor Verunreinigungen zu schützen. Sie wachsen in flachen Becken mit einem Fassungsvermögen von bis zu 30.000 Litern; dabei setzen sie Sauerstoff frei und binden CO2. Nach eigenen Angaben hat die Genossenschaft ein spezielles Verfahren entwickelt, um Spirulina konsequent in Bioqualität zu produzieren.

Die DAG liefert neben Bulkware wie Flakes, Pulver und Granulat auch verkaufsfertige Produkte wie Tabletten und Kapseln. Die Algen eignen sich nicht nur für die menschliche Ernährung, sondern auch für Anwendungen in der Kosmetikindustrie, als natürliche Farbstoffquelle und als Zutat im Tierfutter. Algen zeichnen sich laut Averberg durch einen Geschmack aus, der dem japanischen Umami-Geschmack ähnlich sei.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, 03.06.2026, Nr. 126, S. 21 - Alex Mosavi Kolour, Hans-Böckler-Berufskolleg, Münster

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