Für Sehbehinderte machen Egbert und Felix Broerken große und kleine Städte erlebbar.
Sein Vater habe gedacht, es müsse doch eine bessere Möglichkeit geben, Blinden und Sehbehinderten die Stadt erklärbar zu machen, sagt Felix Broerken. Der 38 Jahre alte Bildhauer aus Soest ist nach dem Geschichts- und Archäologiestudium in Münster stolz in die Fußstapfen seines Vaters Egbert Broerken getreten, der ebenfalls Bildhauer ist. Vater und Sohn haben bisher fast 300 Stadtskulpturen gefertigt. Begonnen hat Egbert Broerken, der heute 75 Jahre alt ist, vor 36 Jahren. „Die Modelle sind inklusiv für Blinde und Sehbehinderte, aber gleichzeitig auch Kunstprojekte“, erklärt Felix Broerken.
Mit Schülern und Lehrkräften der Westfälischen Blindenschule in Soest entwickelte der Vater die optimale Tastbarkeit der Modelle und mit einer Bronzegießerei ein spezielles Verfahren für die filigranen Erläuterungen in Blindenschrift. Die Stadtmodelle erstehen im Wachsausschmelz-Verfahren, einer alten handwerklichen Kunst, die Detailtreue und Unverwüstlichkeit der bronzenen Reliefs garantiert.
Das erste Stadtmodell entwickelte Egbert Broerken für Münster – eine Bronzeskulptur, die einen Teil der Altstadt maßstabsgetreu zeigt. Felix Broerken hebt die Modelle von Salzburg, Hamburg, Berlin und Straßburg hervor. Die Stadtmodelle dienen vor allem als Ausgangspunkt für Stadtführungen.
„Ich bekomme nur positive Rückmeldung“, sagt der Erste Bürgermeister von Lahr, Guido Schöneboom. In der Stadt im Schwarzwald steht ein Bronzemodell von gut einem Quadratmeter; es bildet die Altstadt im mittelalterlichen Zustand mit intakter Stadtmauer ab. „Wir haben das Modell mit mehreren beeinträchtigten Menschen ausgiebig ausgetestet, um deren Urteil zu erfahren.“ Viele seien fasziniert, dass sie mit ihren Fingerspitzen durch die Stadt spazieren und durch die integrierte Blindenschrift die Informationen zu Häusern, Kirchen, Straßen und Plätzen direkt zuordnen könnten. „Die Positionierung haben wir korrigiert, damit man auch mit dem Rollstuhl perfekt unter das Modell fahren kann, was sehr gut bei vielen Menschen ankommt.“ Auch Kinder seien von dem Modell begeistert. Die Idee zum Lahrer Modell stammte von den Nachkommen des Unternehmers Ernst Kaufmann aus Lahr, der einen Teil seines Vermächtnisses an die Stadt übertragen hatte; ein Teil wurde zur Finanzierung des rund 35.000 Euro teuren Modells im Maßstab 1 zu 450 eingesetzt.
Auch der blinde Lothar Baumann aus Lahr ist angetan von dem Modell. Etwas irreführend findet er, dass die historische Altstadt dargestellt werde. „Die Wege sind trotzdem nachvollziehbar.“ Die Blindenschrift sei etwas schwierig zu lesen, da Relief- und Blindenschrift zu nah positioniert seien. „Trotzdem ist das Modell gut platziert und lädt zum Verweilen ein.“
Von der Materialsammlung bis zum Schnitzen dauere die Herstellung eines Modells rund zehn Monate. „Während ich Materialien für das eine Modell sammle, schnitze ich gerade ein anderes und habe parallel ein weiteres in der Gießerei, weshalb wir schon auf so sechs Modelle im Jahr kommen“, sagt Felix Broerken. In ihrer Werkstatt in der Nähe von Soest in Westfalen stellen sie hauptsächlich Stadtmodelle her, manchmal aber auch Skulpturen oder einen Leitplan für Blinde und Sehbehinderte.
„Es ist mir wichtig, mir einen eigenen Eindruck zu verschaffen, weshalb ich jede Stadt mehrmals selbst besuche“, erklärt Felix Broerken. Er schieße Fotos und nutze Google Streetview. Gerade für Altstadtmodelle benötigen sie außerdem Katasterpläne, Höhenpläne und manchmal Luftbilder. Die ersten vier bis fünf Monate erstellen sie ein Vorabmodell aus Styrodur. Styrodur werde oft als Dämmmaterial genutzt, sei aber auch perfekt zum Schnitzen.
Nachdem am Auftragsort anhand des Vorabmodells Korrekturen vorgenommen wurden, wird das Modell in die Gießerei gebracht. Alle Modelle werden aus Goldbronze gegossen. „Das Material ist sehr wertig, da es sehr genau, also detailliert, abgegossen werden kann“, erklärt Broerken. Alles sei handgearbeitet, betont er. Es komme keine KI zum Einsatz. Stadtmodelle anderer Hersteller würden oft mit 3D-Druck produziert. Broerken findet das schade: Diese Modelle sähen oft künstlich, glatt und detailarm aus.
Der Preis eines Modells hänge von Größe und Maßstab ab. Manche Modelle sind 1,60 mal 1,60 Meter groß, andere 60 mal 40 Zentimeter. Der Durchschnittspreis liege zwischen 20.000 und 45.000 Euro. „Wir haben aber auch schon unsere großen Modelle abscannen lassen, um so ein digitales 3D-Modell unseres handgefertigten Modells zu bekommen. Dieses konnten wir dann beispielsweise als zehn Zentimeter große Miniatur in Bronze oder auch Schokolade herstellen, zum Beispiel als Geschenk“, berichtet Broerken. Man fertige auch Privathäuser unter bronze- homes.com. „Sie können sehr klein sein.“
Die positive Resonanz des ersten Modells in Münster ermutigte weitere Städte dazu, ein Bronzerelief für Blinde und Sehende aufzustellen. Darunter sind nicht nur große und bekannte Städte zu finden wie Berlin, Hamburg, München, Salzburg und Zürich, sondern auch kleine Städte wie Achim, Halberstadt, Heide, Kulmbach, Leer, Minden und Zons. Zu den besonderen Einzelobjekten zählen das Straßburger und das Basler Münster, der Mainzer Dom und der Dom zu Worms, die Museumsinsel Berlin, die Klosteranlage Altenberg und das Modell vor der Frauenkirche in München. Die Modelle finden sich nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Schweiz, in Österreich, Frankreich und den Niederlanden.
„Für mich ist das eine ganz besondere Arbeit, die keiner sonst macht“, sagt Felix Broerken. „Man kommt viel rum und erlebt bei jedem Modell neue Herausforderungen.“ Sein Traum ist, Paris als Modell zu verwirklichen. Und: „Deutschland besitzt so viele schöne Schlösser und Burgen, Neuschwanstein natürlich. Das wäre auch toll.“