Wohnen im Grünen

Eine Algenfarm in den eigenen vier Wänden.

Was als Experiment auf der Fensterbank begann, könnte bald in vielen Küchen stehen: eine Algenfarm für den heimischen Gebrauch von der 2024 gegründeten MySpirulina GmbH aus Kiel, die Spirulina, eine der nährstoffreichsten Algen der Welt, in den Alltag bringen will. Die Kultur wächst in einem Drei-Liter-Glasbehälter. Sie stammt aus einer eigenen, zertifizierten Spirulina-Stammkultur namens „MYSP“, die vom Geschäftsführer und Gründungsmitglied Ben Schwedhelm im Labor des Botanischen Gartens der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel gezüchtet wurde.

Auf dem Glas sitzt ein intelligenter, im 3D-Druck gefertigter Deckel aus dem biologisch abbaubaren Biopolymer PLA. Der „smart lid“ ist mit Sensoren und einem Solarpanel ausgestattet, misst die Lichtstärke und passt die Taktung der Belüftung und Umwälzung automatisch an, sodass die Alge optimal wachsen kann.

„Ich fand das immer total spannend, dass wir so wenig Algen essen, obwohl die Wissenschaft schon lange erklärt hat, dass Algen ein Nahrungsmittel der Zukunft sind“, sagt Schwedhelm. Algen wachsen außergewöhnlich schnell und liefern deutlich mehr Biomasse je Fläche als herkömmliche landwirtschaftliche Kulturen. Gleichzeitig benötigen sie kaum Ressourcen. Zudem binden Algen CO₂ und enthalten hochwertiges Protein, wichtige Vitamine und Mineralstoffe sowie gesunde Fettsäuren wie Omega-3. Sie lassen sich als Lebensmittel, Nahrungsergänzung, Futtermittel und nachhaltiger Rohstoff einsetzen.

Schwedhelm ist einer von vier Gründern. 2023 schloss er seinen Bachelor of Science in Biologie in Kiel ab. „Ich wollte wissen, was wir in Zukunft essen werden“, erzählt er. Ihm sei klar geworden, es würden Algen oder Insekten sein. „Damit nicht nur Bio-Nerds Algen zu Hause züchten, mussten wir eine Farm entwickeln, die direkt läuft und autonom arbeitet“, erklärt er.

Spirulina gehört zu den blau-grünen Mikroalgen. Im Vergleich zu vielen anderen Mikroalgen hat sie keine Zellulosewand, wodurch ihre Nährstoffe für den Menschen leichter verfügbar sind. Unter guten Bedingungen kann sie sich alle zwei bis fünf Tage verdoppeln – ein echtes Wachstumswunder.

Nach Angaben von Market Research Future wurde der deutsche Spirulina-Markt 2024 auf knapp 25 Millionen Dollar geschätzt und soll bis 2035 auf 63 Millionen Dollar wachsen. „Zurzeit sind wir noch nicht richtig auf dem Markt, aber ich sehe riesiges Potential“, sagt Schwedhelm. Während getrocknete Produkte oft intensiv und algig schmecken, ist der Geschmack frischer Spirulina mild und cremig.

„Wir haben 2025 150 Prototypen verkauft“, erzählt Schwedhelm. Bis Ende 2025 sollten 1000 Stück dazukommen. Das Starter-Kit aus Glas, Deckel, Nährmedium und SpirulinaKultur kostet als Prototyp im Angebot rund 100 Euro. Der reguläre Preis beträgt knapp 150 Euro. Der aktuelle Umsatz liege bei etwa 30.000 Euro. Schon 2026 will man die Millionengrenze überschreiten. Man setzt auf ein Abo-Modell: Der eigentliche Umsatz entsteht über das Nährmedium, das etwa alle zehn Tage nach der Ernte erneuert werden muss.

Schwedhelm beschreibt die Zielgruppe als „green parents“ – Menschen zwischen 30 und 60 Jahren, oft Frauen mit Kindern. „Ich wünsche mir, dass unsere Kundinnen und Kunden Spirulina ganz selbstverständlich in ihren Alltag integrieren, zum Beispiel einen Spirulina-Kuchen backen.“

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 08.01.2026, Nr. 6. S. 18 - Milo Rehfeld, Max-Planck-Schule, Kiel

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