Alle hatten eine Mattscheibe

Viele kennen die kleinen Klickfernseher mit Märchen- und Reisemotiven noch aus der Kindheit. In Muhr am See werden die Plastiskope seit Jahrzehnten in Handarbeit gefertigt.

Das Youtube unserer Kindheit.“ So beschreibt Mathis Neidhart, Inhaber der Manufaktur Plastiskop im bayerischen Muhr am See, die sogenannten Klickfernseher, die als ikonische Souvenirartikel der deutschen Nachkriegszeit gelten. In den Fünfzigerjahren, als in Westdeutschland das Wirtschaftswunder Fahrt aufnahm und ebenso der Tourismus, wurden die kleinen Guckkästen zu beliebten Reiseandenken.

 Hans G. Philippi gründete Anfang der Fünfzigerjahre das Unternehmen und meldete die Plastiskope 1953 zum Patent an. Zu Beginn seien die Plastiskope unter anderem in Oberammergau direkt aus einem Laster heraus verkauft worden. Abseits der „goldenen Zeiten des Plastiskops“, wie Neidhart sie nennt, habe der Betrieb jedoch immer wieder Verkaufsflauten erlebt, mit dem Aufkommen der Digitalisierung und dem leichteren Zugang zu Bildern jedoch ein Comeback erlebt. Neidhart leitet das Unternehmen seit 2004.

Unter einem Plastiskop, dem einzigen Produkt des Unternehmens, versteht man einen kleinen analogen Bildbetrachter aus Kunststoff, durch den sich mittels einer drehbaren Bildscheibe einzelne Dias betrachten lassen. In ihm können bis zu 16 Motive enthalten sein. Typischerweise misst ein solcher Minifernseher rund fünf mal vier Zentimeter, die Maße hängen vom Modell ab. Die Varianz sei groß, sagt Neidhart, neben den herkömmlichen Fernsehtruhen gebe es Plastiskope in Form von Kameras, Ferngläsern, Bierkrügen, Alpenhäuschen und sogar Kuckucksuhren.

Eine Besonderheit sei, dass das Gerät ganz ohne eigene Lichtquelle auskomme. Denn einfallendes Tages- oder Raumlicht genügt, um die Bilder sichtbar zu machen. Die Themen reichen von Reise- und Urlaubsmotiven über Märchengeschichten bis hin zu Tierbildern. Besonders großer Beliebtheit erfreuen sich die Plastiskope zu Schloss Neuschwanstein und Helgoland. Im Ausland zählen außerdem die Stadt Wien und das Matterhorn zu den beliebten Motiven. Auch Personalisierungen sind möglich, erfordern aber eine gesonderte Bestellung über die Internetseite des Unternehmens. Eine Bestellung, an die man sich bis heute erinnert, ist ein Plastiskop, das ein leidenschaftlicher Wanderer vor einer mehrmonatigen Gebirgstour zum Abschied erhielt.

Das Patent aus dem Jahr 1953 sei längst ausgelaufen, berichtet der Inhaber. Trotzdem berufe man sich immer noch auf den Titel „Mutter aller Bildbetrachter“, der damit begründet sei, dass Plastiskop der Originalhersteller sei.

Die Produktion erfolgt in Handarbeit, wie Neidhart berichtet. Als Grundlage dienen rund 120 Spritzgussformen im Besitz der Manufaktur. Eine regionale Kunststoffspritzgießerei nutzt diese, um die einzelnen Gehäuse- und Kunststoffteile anzufertigen. Nach Eingang einer Bestellung bereitet Plastiskop zunächst die eingesendeten Bildvorlagen auf und entwickelt daraus Filmstreifen mit den späteren Motiven. Anschließend werden die einzelnen Bilder in kleine Bildscheiben eingesetzt, während parallel die Gehäuse vormontiert werden. In der Endmontage werden Bildscheibe und Gehäuse manuell zusammengesetzt, bevor jedes Plastiskop kontrolliert und poliert wird.

Zur Kundschaft der Manufaktur zählen sowohl Privatpersonen als auch Unternehmen, Agenturen und Souvenirläden. Unternehmen nutzen die Plastiskope unter anderem für Werbeaktionen, Jubiläen und personalisierte Einladungen. „Über die Jahrzehnte war gefühlt jeder Name mal dabei“, sagt Neidhart. Besonders gerne erinnert er sich an eine Serie, die anlässlich des 100. Firmenjubiläums in Zusammenarbeit mit dem Autohersteller Daimler-Benz entstand. Zur Bewerbung einer neuen Schmuckedition habe man mit Christian Dior kooperiert.

Während bei Einzelanfertigungen rund 90 Prozent der Aufträge von Privatkunden stammten, entfielen bei Serienaufträgen etwa 90 Prozent auf gewerbliche Kunden. Eine klar definierte Zielgruppe gebe es nicht. Natürlich gehöre insbesondere jene Generation zur Kundschaft, die das Plastiskop noch aus Kindheitstagen kenne. Gleichzeitig seien die Bildbetrachter aber auch unter jüngeren Menschen gefragt, „spätestens bei ihrer Hochzeit“. Die Einzelanfertigungen gäben oft Frauen in Auftrag, die ein Plastiskop als Geschenk für ihre Partner oder andere Familienmitglieder wählten.

Deutschland, Österreich und die Schweiz zählen laut Neidhart zu den wichtigsten Absatzmärkten; es erteilten aber auch Unternehmen aus dem weiteren Ausland Aufträge. Die Preise für ein Plastiskop variieren je nach Stückzahl und Modell. Standardanfertigungen beginnen bei sieben Euro je Stück, individualisierte Klickfernseher, die Zusatzleistungen seitens der Manufaktur benötigten, bei 50 Euro. Die Preise hingen auch von der Montagezeit ab, die in der Regel fünf bis zehn Minuten für ein Stück betrage und bei Personalisierungen auf eine halbe Stunde steigen könne. Für Souvenirserien biete man Vergünstigungen für Wiederverkäufer an, um die Präsenz von „Made in Germany“-Produkten zu stärken.

Das Kernteam besteht aus Neidhart, der den Babyboomer-Jahrgängen angehört, und seiner Frau. Gelegentlich wird das Paar von Minijobbern unterstützt. Man bewege sich in einer kulturellen Nische und versuche den Jahresumsatz im sechsstelligen Bereich stabil zu halten, sagt Neidhart. Die jährlich produzierten Stückzahlen lägen im fünfstelligen Bereich.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, 01.10.2026, Nr. 228, S. 22 - Maximilian Schäfer, Ehrenbürg-Gymnasium, Forchheim

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