Materialistisch denken

MatGPT beschleunigt die Materialentwicklung.

Drei Wochen schlossen sich die Forscher in ihr Büro ein, um herausfinden, welches Material extremsten Bedingungen standhält. Dann tippten sie ihre Fragen in MatGPT ein – und erhielten nach 30 Sekunden die Antwort. Mit diesem Beispiel illustriert das Hamburger Unternehmen Fehrmann Tech Group die Leistungsfähigkeit seines KI-gestützten Systems MatGPT. Entwicklungszeiten reduziere es drastisch, etwa von fünf Jahren auf wenige Tage.

MatGPT ist ein digitaler Materialexperte; Unternehmen können ihr technisches Wissen, geschützt in einer privaten Cloud-Umgebung, hochladen und es allen Mitarbeitern zugänglich machen, unabhängig von deren Erfahrungsniveau. Allen steht jederzeit Expertenwissen zur Verfügung. Die Idee dafür hatte 2018 Henning Fehrmann, Geschäftsführer in fünfter Generation. „Wir haben uns gesagt, wenn wir neue Materialien entwickeln wollen, müssen wir wissen, was es schon alles gibt. Diese Recherche wollten wir per Knopfdruck haben, und daraus entstand MatGPT“, erzählt Fehrmann. 2020 gründete er das Tochterunternehmen Fehrmann Materials X GmbH, das sich auf die Entwicklung der KI-Plattform spezialisiert hat.

Gegründet 1895 als Gießerei, belieferte Fehrmann Werften und Reparaturbetriebe mit Metallgussteilen. Später produzierte man Schiffsfenster. Die Gießerei existiert weiterhin und ist heute eine Wissensquelle. „Ohne das Verständnis von industrieller Produktion kann man keine Materialien entwickeln“, sagt Fehrmann. Was Materials X von allgemeinen KI-Lösungen wie ChatGPT unterscheide, sei, dass das technische Wissen der Unternehmen privat und geschützt sei. Das reduziere auch die Gefahr von Halluzinationen. „Wenn der Input qualitativ geprüft ist, kann auch der Output nur gut sein“, sagt Fehrmann.

Mittlerweile hat sich das System zur MaterialsX Enterprise Platform weiterentwickelt. Sie umfasst laut Unternehmensangaben fünf Tools und 25 Datenbanken und zähle zu den führenden industriellen KI-Plattformen der Welt. Unternehmen kaufen einen Zugang zur Plattform, beispielsweise für 500 Nutzer, und zahlen im Monat eine Gebühr von rund 50 Euro je Nutzer. Zu den größten Kunden zählen laut Fehrmann Unternehmen aus der Chemieindustrie und der Branche der Materialentwickler und -händler. Man habe auch Kunden aus der Auto- und Luftfahrtindustrie.

Amerikanische Anbieter wie Citrine Informatics und Enthought entwickeln ähnliche KI-Lösungen für die Materialforschung. Doch Fehrmann sieht einen Unterschied: „Wir entwickeln seit Jahrzehnten Materialien und kennen die Industrie von innen.“ Materials X erzielte 2025 nach eigenen Angaben einen Umsatz von rund zwei Millionen Euro. Der globale Markt für Materials Informatics, dem Einsatz von KI in der Materialforschung, wächst laut dem Marktforschungsunternehmen Precedence Research jährlich um gut 20 Prozent. Ob Wasserstofftechnologie, Elektromobilität oder 3D-Druck – nach Angaben des Branchenverbands Dechema hängen rund 70 Prozent aller technischen Innovationen von neuen oder verbesserten Materialien ab. Wasserstoff etwa erfordert Werkstoffe, die Temperaturen von minus 100 oder plus 700 Grad Celsius standhalten.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, 01.10.2026, Nr. 228, S. 22 - Carla Schel, Gymnasium Ohmoor, Hamburg

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