Psychotherapeut im Interview

„Junge Menschen beschreiben Schule ganz klar als große Belastung“

Lisa Becker

„Junge Menschen beschreiben Schule ganz klar als große Belastung“

Geht es um die mentale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen, stehen digitale Medien oft im Vordergrund. Psychologe Julian Schmitz erklärt, was sie wirklich unglücklich macht – und warum er wenig von Noten hält.

Herr Schmitz, allerorten hört man mit Blick auf die jungen Leute von der Generation Krise. Stimmen Sie zu?

Dieses Narrativ halte ich nicht nur für falsch, sondern sogar für dysfunktional und gefährlich. Zum einen geben das die Daten nicht her. Nach aktuellen Studien berichten circa 15 Prozent aller Kinder und Jugendlichen von einem Maß an Belastung, wie wir es von Kindern und Jugendlichen kennen, die in ambulante Psychotherapie gehen oder stationär behandelt werden. Das heißt im Umkehrschluss: 85 Prozent beschreiben sich als psychisch gesund. Nicht die gesamte junge Generation ist übermäßig psychisch belastet.

Warum ist das Narrativ gefährlich?

Wir wissen aus Studien, dass es negative Nebenwirkungen haben kann, wenn Menschen ständig hören, psychische Erkrankungen seien sehr häufig, alle müssten aufmerksam sein. Dann beschreiben sich auch Personen als psychisch krank oder belastet, die es vorher gar nicht waren, weil sie in negative Aufmerksamkeitsschleifen kommen. Wenn man gesagt bekommt, man müsse sehr aufpassen, dass man keine Depression habe, die erkenne man unter anderem an Gedanken, die einen runterziehen, dann fragt man sich vielleicht ständig, ob man negative Gedanken hat. Das kann dann zu immer mehr von diesen Gedanken führen.

Das ist anders als bei körperlichen Erkrankungen, oder?

Bei psychischen Themen kann sich die Befürchtung, belastet zu sein, verselbständigen. Andererseits: Wenn man die Aufmerksamkeit erhöht, dann entdeckt man auch mehr Menschen, die wirklich Hilfe brauchen. Man sollte daher eher Menschen aus Risikogruppen sensibilisieren als alle.

Ist der sorgenvolle Blick auf die jungen Leute also völlig übertrieben?

Nein, man muss differenzieren. Auch wenn sich viele als gesund beschreiben, beschreiben sich trotzdem zu viele Kinder und Jugendliche als belastet. Daten zeigen, dass wir ein großes Problem mit psychischen Störungen und deren Folgen in der Gesellschaft haben. Dazu passen sehr lange Wartezeiten in den Psychotherapiepraxen – das Versorgungssystem fängt eine hohe Zahl an psychischen Störungen nicht auf. Auch steigen zum ersten Mal seit der Pandemie die psychischen Belastungen nach den Selbstberichten der Kinder und Jugendlichen wieder an.

Was erleben Sie in der Hochschulambulanz, die Sie leiten?

Wie in den ambulanten Praxen bekommen wir viele Anfragen. Viele Kinder und Jugendliche, die sich melden, sind psychisch erheblich erkrankt, viele bräuchten auch eine stationäre Behandlung, bekommen aber keine zeitnahe Behandlung.

Schon vor Corona waren die Wartelisten lang.

Absolut. In der Pandemie haben die psychischen Belastungen dann auf der ganzen Welt deutlich zugenommen, vor allem internalisierende Störungen wie Angststörungen und Depressionen. Seitdem ist das Niveau deutlich erhöht geblieben. Das gilt auch für Essstörungen bei Mädchen. Auch in der Breite berichten mehr junge Menschen von Symptomen wie Traurigkeit, Konzentrationsstörungen und Ängsten. So legen neue Daten der DAK eine deutliche Zunahme von Angststörungen bei Kindern und Jugendlichen nahe.

Das ist für die betroffenen jungen Menschen und ihre Angehörigen schlimm, sollte aber uns allen Sorgen bereiten, oder?

Wir wissen, dass drei Viertel der psychischen Störungen von Erwachsenen im Kindes- und Jugendalter begonnen haben. Gesamtgesellschaftlich ist das ein riesiges Problem: Psychische Störungen sind aktuell der Hauptgrund für Frühverrentung und unter den Top-drei-Gründen für Arbeitsunfähigkeit. Wir brauchen deswegen eine bessere Prävention und eine frühere Hilfe.

Welche Faktoren erhöhen die Wahrscheinlichkeit für eine psychische Störung im jüngeren Alter? In der öffentlichen Diskussion scheinen die digitalen Medien die Hauptrolle zu spielen.

Die meisten Längsschnittstudien, die wir bisher dazu haben, zeigen in der Gesamtheit nur einen sehr geringen Effekt von täglichem Smartphone- und Social-Media-Gebrauch auf die mentale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Eine Studie aus den Niederlanden zeigt zudem einen großen Unterschied, je nachdem wie man das Smartphone nutzt. Es kann nämlich auch wichtig für soziale Kontakte sein und so die mentale Gesundheit fördern. Ein exzessiver passiver Gebrauch kann hingegen schädlich sein. Das Suchtverhalten, das einige Kinder und Jugendliche – aber auch Erwachsene – zeigen, ist natürlich besorgniserregend.

Welcher Handlungsbedarf besteht in Sachen digitale Medien?

Suchtartiges digitales Verhalten ist überall in der Gesellschaft zunehmend sichtbar, auch bei Erwachsenen. Daher brauchen wir alle einen kritischen Blick auf unser Nutzungsverhalten und unsere Vorbildfunktion für Kinder und Jugendliche. Aber natürlich müssen besonders Kinder und Jugendliche gegen Gefahren im Internet geschützt werden, ob sie psychisch belastet sind oder nicht, zum Beispiel gegen Cybergrooming, Horror und Gewalt. Es braucht dafür auch eine Regulation der sozialen Medien. Anbieter müssen mit dafür sorgen, dass Minderjährige nicht an gefährliche Inhalte kommen, aber auch Eltern sind in der Verantwortung, ihre Kinder zu schützen. Und wir müssen Kinder und Jugendliche kompetent machen, besonders durch Angebote in den Schulen. Zugleich würde ich mir auch mehr altersangemessene Angebote wünschen, mit denen Heranwachsende den Umgang mit digitalen Medien im geschützten Raum lernen.

Wenn nicht das Handy, was bedroht dann vor allem die psychische Gesundheit der jungen Menschen?

Alle großen Studien zeigen: Armut ist der größte Risikofaktor. Wer in armen Verhältnissen aufwächst, dessen Risiko ist zwei- bis dreimal höher, psychisch belastet zu sein. Außerdem sind Mädchen mehr gefährdet. Am schlechtesten geht es Mädchen aus armen Familien. Armut ist ein systemischer Stressor, sie belastet die ganze Familie. Die Zunahme von Armut erklärt deshalb recht gut die Zunahme der psychischen Belastungen. Doch darum dreht sich die Diskussion viel zu wenig, stattdessen wird schon fast populistisch auf das Thema Smartphones geschaut. Dürfte ich mir nur eine Präventionsmaßnahme wünschen, dann wäre es die Kindergrundsicherung.

Das Geschlecht ist auch ein Risikofaktor?

In der Pandemie haben neben den Kindern und Jugendlichen aus armen Verhältnissen die Mädchen mehr gelitten. Soziale Beziehungen sind für sie bedeutsamer. Vermutet wird außerdem, dass sie unter den sozialen Vergleichen in den sozialen Medien mehr leiden. Was wir wissen: Mädchen sind anfälliger für Ängste, depressive Gedanken, sozialen Vergleich, Selbstzweifel und die Disruption des sozialen Zusammenhalts.

Welchen Einfluss hat die Schule auf die psychische Gesundheit?

Junge Menschen beschreiben Schule ganz klar als große Belastung. Im Schulbarometer der Robert-Bosch-Stiftung haben wir ihre Sorgen erfasst, und der schulische Leistungsdruck ist eine der Hauptsorgen. In einer anderen Studie aus dem Projekt „Monitor Bildung und Psychische Gesundheit“ wurden Psychotherapeuten gefragt, worunter junge Menschen besonders leiden. Die Schule spielte eine große Rolle: Leistungsdruck, belastete Beziehungen zu Lehrkräften und Mitschülern, Einsamkeit in der Schule. So wie schulisches Lernen heute oft gestaltet wird, ist es ein großer Belastungsfaktor. Das müsste nicht so sein.

Manche würden sagen, die Schule ist kein Ponyhof, dort geht es um Leistung.

Psychische Gesundheit ist doch kein Nebenprodukt, sie muss inhärentes Ziel von Schule sein, zumal mental gesunde Schüler besser lernen. Nehmen wir den allgegenwärtigen Notendruck. Aus der Forschung wissen wir, dass Noten kein gutes Mittel sind, um Lernerfolg zu messen und Kindern eine Rückmeldung zu geben. Sie zeigen den individuellen Lernfortschritt zu wenig an, unter anderem weil sie relativ zur Leistung von Mitschülern vergeben werden; und sie bieten zu wenig Feedback. In Phasen des Schuljahrs werden außerdem sehr viele Klassenarbeiten geschrieben; wenn man dann mal krank ist, entsteht noch mehr Stress. Einen starken Leistungsdruck verursacht auch die frühe Aufteilung in unserem Schulsystem, die in der Regel nach der vierten Klasse erfolgt. Dann entscheidet sich im Prinzip, ob man mal studieren kann oder nicht. Das macht vielen Druck.

Ist, wer gut in der Schule ist, zufriedener?

Im Prinzip schon, aber es gibt auch Einser-Schülerinnen und -Schüler, die sehr stark unter Druck stehen. Die Pädagogin Margret Rasfeld zitiert in ihrem Buch „Das Schul-Drama“ sehr berührende Briefe von Kindern, die sich jeden Tag vermessen fühlen, schlecht schlafen, Bauchschmerzen haben und glauben, ständig Bestleistung abrufen zu müssen. Je nach individuellen Ressourcen kann man das eine Zeit lang durchhalten, doch irgendwann kann das zu psychischen und körperlichen Erkrankungen führen.

Was ist zu tun?

Wenn ich von Schulleitungen oder Lehrkräften gefragt werde, welche Fortbildung sollen wir machen, welches Präventionsprogramm, dann sage ich in der Regel: Wir brauchen an Schulen wie an Kitas als Erstes eine gute pädagogische Qualität. Sie ist nach unseren Untersuchungen ein enorm wichtiger Prädiktor dafür, wie wohl Kinder und Jugendliche sich in der Schule und auch allgemein im Leben fühlen. Wenn sich Schülerinnen und Schüler gut durch die Lehrkraft beim Lernen unterstützt und wertgeschätzt fühlen und wertvolles Feedback bekommen, dann hat das einen messbaren Einfluss auf das Wohlbefinden. In einem guten Feedback erfährt man, wo man sich weiterentwickelt hat und was man noch lernen muss; darin wird man dann unterstützt.

Was heißt das für die Lehrkräfte?

Lehrkräfte können über guten Unterricht sehr viel zur psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen beitragen. Sie leisten einen großen Beitrag, wenn sie das Lernen emotional zugewandt und verlässlich begleiten. Sie müssen keine Psychotherapeuten werden, sie müssen Beziehungsgestaltung und pädagogischen Lernauftrag gut verbinden können. Dazu braucht es aber vor allem mehr Zeit für einzelne Schüler und mehr Personal an Schulen. Doch oft ist das Personal knapp, und Lehrkräfte sagen selbst, dass es in der Lehramtsausbildung häufig zu wenig um Beziehungsgestaltung geht und sie nicht die Zeit haben, um Kinder und Jugendliche so zu begleiten, wie sie es gern tun würden.

Es gibt allerlei Präventionsprogramme zu Themen wie Mobbing, Mediennutzung und mentale Gesundheit. Wie sinnvoll sind sie?

Programme, die Kompetenzen und Bewältigungsstrategien vermitteln, können positive Effekte haben, etwa zum Umgang mit Stress. Oder solche, die über Risiken aufklären, etwa von Mobbing oder übermäßigem Smartphone-Gebrauch. Ich bin aber skeptisch, ob alle Kinder und Jugendlichen einen intensiven Kurs zum Thema psychische Störungen durchlaufen müssen. Daraus können auch die angesprochenen Nebenwirkungen entstehen. Sinnvoller ist, in der Breite positive Bedingungen an Schulen zu schaffen, durch eine zeitgemäße Bildung, Mitgestaltung durch Kinder und Jugendliche und gute Lernbeziehungen. Es wäre doch absurd, zu sagen, wir lassen ein dysfunktionales System so, und dann machen alle einen Kurs, damit sie länger durchhalten.

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