Im Sinne der frühen Bildung
Kinder sind wissbegierig und wollen lernen. Die Fröbel-Kindergärten machen sich die Neugier zunutze, ohne die Kita zu verschulen. Ein Besuch.
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Drei Lehrer erzählen
Künstliche Intelligenz verbreitet sich rasant, die meisten jungen Leute nutzen sie für die Hausaufgaben – doch im Unterricht kommt sie nur schleppend an. Drei digital erfahrene Lehrkräfte darüber, wie es gelingt.
„Meine Schülerinnen und Schüler werden in meinem Unterricht zu KI-Experten, sie könnten sogar Erwachsene schulen“, sagt Kristin van der Meer, Lehrerin an der Neuen Grundschule Potsdam. „Sie würden niemals mit einer KI recherchieren, sich von der KI etwa eine Reise planen lassen“, erklärt sie. „Sie fragen die KI hingegen, was sie machen müssen, wenn sie eine planen – sie lassen sich beim strukturierten Denken unterstützen.“
Van der Meer ist eine der wenigen Lehrkräfte in Deutschland, die KI schon in der Grundschule nutzen. Das sei sehr wichtig, denn schon die jüngeren Kinder bräuchten Begleitung, damit sie einen kritischen Umgang mit der KI lernten – und zu mündigen Bürgern heranwüchsen.
Als eines ihrer vier Kinder 2022 begann, seine Hausaufgaben mit ChatGPT zu erledigen, habe sie gewusst, „ab morgen muss ich mein Lehren komplett ändern“. Für sie sind die digitalen Medien essenziell zur Verwirklichung eines außergewöhnlichen pädagogischen Konzepts, das in Deutschland erst selten praktiziert wird: Ihre Schüler entscheiden selbst, was sie wann lernen, um die Lernziele zu erreichen.
„Gerade der KI-Einsatz ermöglicht 100 Prozent Inklusion, und das ohne zusätzliches Personal“, sagt van der Meer. Doch das gelinge nur, wenn die Kinder befähigt würden, die KI sinnvoll zu nutzen. Dafür brauchten sie Zielbewusstsein, ein Repertoire von Strategien sowie die Fähigkeit zum Selbstmonitoring und zur Reflexion. Das alles bringt sie ihnen bei.
Sie beginne in der ersten Klasse mit einer starken, geschlossenen Führung und öffne dann die Unterrichtsmethoden. Ihre Schüler wählen, wie sie lernen: Wollen sie ein Buch lesen, einen Vortrag erstellen, einen Rap oder ein Gedicht? Welche Sozialform ist passend: Wollen sie zu zweit arbeiten, in der Gruppe oder zum Lernen mal rausgehen? Der Klassenraum ist locker möbliert mit einem großen runden Tisch, Sofas und Couchteilen. Die Tafel wurde verbannt.
Zweitklässler hätten Lernwörter in DeepL Write eingetippt, ein KI-Werkzeug, das Rechtschreibung und Grammatik kontrolliert, erzählt van der Meer aus ihrem Unterricht. „Ich hatte noch nie so ein gutes Gespräch zur Rechtschreibung.“ Die Kinder hätten viel aufmerksamer hingeschaut. „Ach so, schwimmen wird mit Doppel-M geschrieben“, habe eines gemerkt. Gemeinsam probierten sie Rechtschreibstrategien wie das Silbenklatschen aus.
„Sie waren so munter, dass mit der Zeit ein Wettbewerb entstand.“ Bis ein Schüler irgendwann keinen Fehler mehr machte. „Er ist aufgesprungen und rief, die KI könne nichts finden. Die anderen klatschten. Das war ein Zaubermoment.“
Ein großer Unterschied zum lehrerzentrierten Unterricht ist: Jedes Kind kann in jedem Moment Rückmeldung bekommen. „Ich hingegen muss zur Lernkontrolle die Hefte mit nach Hause nehmen, und sie bekommen sie erst am nächsten Tag zurück.“ Dann sei jedoch kein emotionaler Bezug mehr zu dem vorhanden, was am Tag vorher gewesen sei. Das unmittelbare, individuelle Feedback, das zeigt die Lernforschung, ist wirkungsvoller. Van der Meer probiert mit den Schülern verschiedene KI-Feedbackprogramme aus, zum Beispiel FelloFish.
Ihre Schüler erstellten sich zudem selbst Übungen, zum Beispiel ein Bastelspiel. „Ich bekomme bestenfalls eine Fünffach-Differenzierung hin und brauche dafür ein Wochenende. Und dann passt für manche nichts.“ Sie differenzierten sich mit der KI selbst. Einige hätten ihre Matheaufgaben in die KI eingegeben und sich daraus eine Übungsklausur erstellen lassen.
Sie habe auch Kinder mit Diagnosen wie ADHS in der Klasse.
„Wenn Psychologen hospitieren, sagen sie, das Kind fällt gar nicht auf.“ Das liege an einer Umgebung, in der man ohne Druck im eigenen Tempo lerne. Ein Schüler mit ADHS habe in die KI eingegeben, er brauche 60 Minuten für Aufgaben, für die andere zehn Minuten brauchten. „Er war dann sehr stolz auf sich, denn er hat die Aufgaben auch geschafft, nur einen anderen Weg genommen.“
Die Schule besuchen rund 450 Kinder, es gibt 220 iPads. Materialien lädt van der Meer in der brandenburgischen Schulcloud hoch. Als sie mit KI anfing, besuchte sie Fortbildungen im Fobizz-Netzwerk, bildete mit anderen Vorreiterlehrkräften wie Hendrik Haverkamp, Manuel Flick und Jennifer Stier ein Netzwerk. Wer sich mit KI in der Schule befassen wolle, sollte deren Accounts und ihre auf Linkedin und Instagram besuchen. Dort finde man Unterrichtsbeispiele.
„Man muss sich täglich fortbilden“, sagt sie und empfiehlt, sich mit dem KI-Kompetenzkonzept von Joscha Falck zu beschäftigen. „So habe ich zu Beginn meine Unterrichtseinheiten aufgebaut. Zuerst habe ich ohne KI eingeführt, etwa mit einem Buch; dann habe ich die KI hinzugefügt.“
Ihre Schüler lernten mehr, sagt van der Meer. „In der Lernstanderhebung Vera 3 lagen die Ergebnisse weit über dem Landesdurchschnitt.“ Auffällig sei auch der große Wortschatz der Kinder. Und es gebe im Unterricht kaum Störungen.
Klaas Wiggers unterrichtet am Gymnasium an der Willmsstraße in Delmenhorst Geschichte, Mathematik – und Künstliche Intelligenz. Schon seit 2021 bietet er ein Seminarfach zum Thema KI an, also lange bevor ChatGPT für Schlagzeilen sorgte. In den Seminarfächern – sie existieren nicht in allen Bundesländern – werden Oberstufenschüler auf wissenschaftspropädeutisches Arbeiten vorbereitet.
Wiggers legt großen Wert darauf, KI abseits generativer Tools wie ChatGPT zu betrachten. In Bereichen wie Prozessoptimierung und Produktentwicklung lägen große Chancen für Deutschlands Industrie, auch im Bereich der Medizin öffneten sich neue Möglichkeiten. „Wir müssen Schüler befähigen, auch auf diesen Feldern beruflich aktiv zu werden“, betont er. Gleichzeitig sollen sie zu mündigen Bürgern werden, die KI aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten und fundiert über deren Regulierung mitentscheiden können. Technisches Grundwissen sei da unverzichtbar – nur so ließen sich Chancen und Risiken ausgewogen beurteilen.
2022 begleitete Wiggers das Fraunhofer-Institut IAIS bei der Entwicklung des Konzepts AI 4 School. Was als Projekttag in seiner Schule begann, ist heute ein deutschlandweites Angebot aus Workshops, Lehrerfortbildungen und Projekttagen. Im Mittelpunkt stehen KI-Grundbildung, erste Programmiererfahrungen, rechtliche und ethische Fragen – und Berufsorientierung, Wiggers’ Steckenpferd. Und so hat er auch #I_Make_AI gegründet: Schüler interviewen Menschen, die KI in ihrem Berufsalltag nutzen, auch außerhalb der Informatik. Der neue Podcast und die Videos sind auf der Internetseite der Berufsbildungsinitiative zu finden.
Einige von Wiggers Schülern haben sogar selbst eine Geschäftsidee entwickelt und damit erfolgreich an einem Samsung-Wettbewerb teilgenommen: Die KI-Lösung „Skill Fit“ soll die Leistungsbewertung im Sport gerechter machen – die Idee dürfen sie bei den Olympischen Winterspielen in Italien und in der Samsung-Zentrale in Südkorea präsentieren. Derzeit sind die Schüler auf der Suche nach passenden Entwicklungspartnern.
Auch jüngere Schüler bringt Wiggers spielerisch mit KI in Kontakt, etwa durch Stationenlernen, bei dem Oberstufenschüler den Jüngeren Grundlagen vermitteln. Für Lehrkräfte der Sekundarstufe I hat er zum Stationenlernen die Onlinefortbildungsreihe „KI verstehen – KI vermitteln“ entwickelt; sie ist auf www.KI-Campus.org abrufbar und bietet auch direkt einsetzbare Unterrichtsmaterialien. Zur Motivation und Veranschaulichung nutzt Wiggers gern KI-Bausätze von Fischertechnik und KI-gesteuerte Lego-Roboter.
Im Seminarfach Künstliche Intelligenz erwerben seine Schüler Grundkenntnisse, verfolgen die aktuelle Berichterstattung, programmieren und evaluieren Anwendungsfälle. Beispiele sind KI in der Psychotherapie und die Veränderung von Schönheitsidealen durch KI. Ihre Facharbeiten verfassen sie mit KI-Unterstützung – reflektiert und verantwortungsbewusst. „Sie sollen KI nicht die ganze Arbeit machen lassen, sondern gezielt Tools nutzen, zum Beispiel für Recherche und Strukturierung“, erklärt Wiggers.
Kollegen empfiehlt er dringend, sich mit KI zu befassen; sie sollten einfach loslegen und gemeinsam mit den Schülern lernen. „Man muss nicht alles perfekt beherrschen, bevor man anfängt“, sagt er und rät zu regionalen Netzwerken und Taskforces in Schulen. Seine Schule nutzt das datenschutzkonforme KI-Tool von Fobizz, das auch den deutschen Chatbot Teuken-7B enthält. „Wir sollten den USA und China nicht unsere Unterrichtsplanung überlassen. Da können fragwürdige Werte transportiert werden, ohne dass man es merkt. Technologische Souveränität ist eine Voraussetzung für eine künftige bildungsmediale Souveränität“, ist Wiggers überzeugt.
Große Chancen, auch mit Blick auf die Bildungsgerechtigkeit, sieht er in adaptiven Lernsystemen, die individuelle Lernpfade ermöglichen und Lehrkräfte entlasten. Gerade begleitet er die Markteinführung der schwedischen Mathematikapp Magma Math. „Ich kann live sehen, was die Schüler schreiben, ihre Kompetenzen – auch lerngruppenübergreifend – KI-gestützt evaluieren, und sie bekommen sofort formatives individuelles Feedback und weiteres Übungsmaterial.“
So könne die App in ihren handschriftlichen Notizen Fehler highlighten. „Das entlastet mich enorm.“
Eine Herausforderung sei jedoch, einer Vereinzelung des Lernens entgegenzutreten. Seine Aufgabe sieht Wiggers deshalb darin, „die Schülerinnen und Schüler immer wieder im Austausch lernen zu lassen und Anbietern wie Magma Math aufzuzeigen, dass ihre Tools leicht um kollaborative Elemente erweiterbar sind“.
Während er für das Lernen vor der Abiturprüfung noch amerikanische Tools wie Notebook LM von Google vorn sieht, nutzen er und seine Kollegen für die Vorbereitung des großen Schuljubiläums Flux AI vom deutschen Anbieter Black Forest Labs: „Hier sieht man, dass auch deutsche KI-Tools international mindestens konkurrenzfähig sind.“
„Lehrkräfte müssen ihre Schülerinnen und Schüler beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz begleiten“, sagt Iris Laube-Stoll. Sie ist Französisch- und Spanischlehrerin am Düsseldorfer St.-Ursula-Gymnasium und koordiniert dort in der erweiterten Schulleitung die Schul- und Unterrichtsentwicklung. Sonst nutzten sie KI weiterhin allein zuhause – und lernten womöglich nicht, dass Bots wie ChatGPT halluzinierten und Stereotype verbreiteten.
In einer Oberstufenklasse sollten die jungen Leute eine Vokabelliste zu afrikanischem Französisch erstellen. „Das Ergebnis war eurozentristisch und rassistisch.“ Man habe dann versucht, so zu prompten, dass andere Perspektiven einbezogen werden. „Wir müssen kritische KI-Kompetenz schulen“, fordert Laube-Stoll.
Seit der Pandemie beschäftigt sie sich intensiv mit digitalem Lernen, nun auch mit Blick auf KI. Sie hat mehr als zehn Jahre Lehrkräfte ausgebildet, ist innovativ und testet fortlaufend, wann KI das Lernen fördert – und wann nicht. „Ich kann doch nicht im Mikrokosmos Schule sitzen und die Außenwelt ignorieren. Das wäre sträflich.“
Junge Leute nutzten für den Fremdsprachenunterricht KI auch ohne Begleitung, etwa DeepL und ChatGPT. Doch wer zum Beispiel Texte vorformulieren lasse, büße Kompetenzen ein. Ihre Schüler sollen hingegen lernen, KI sinnvoll einzusetzen; deshalb entscheidet sie gemeinsam mit ihnen, wann die KI das Lernen verbessert. „Es muss in den Schulen mehr über Lernwege gesprochen werden. Die Welt verändert sich rasant, lebenslanges Lernen ist nötig.“ Laube-Stolls Ansatz: erst verstehen, wie man KI einsetzen kann, dann ausprobieren, dann reflektieren.
Sie gibt ein Beispiel. Neuntklässler wählten französische Regionen für Präsentationen. „Wir haben gemeinsam Prompts entwickelt, die Texte, etwa aus dem Internet, vereinfachen, um vom Schriftfranzösischen in ein mündliches Französisch zu kommen“, erzählt Laube-Stoll. An ihren Vorträgen arbeiteten die Jugendlichen mit KI-Unterstützung für das Lesen, Formulieren und die Aussprache. Danach wurde in der Gruppe reflektiert: Was hat funktioniert, was sollte anders gepromptet werden, braucht es andere Tools?
Doch auch hilfsmittelfreies Sprechen bleibt wichtig. In Laube-Stolls stark projektorientiertem Unterricht ist die Fremdsprache die Arbeitssprache. Zum Sprechenlernen sei die KI ebenfalls nützlich, auch weil mit ihr die Aussprache im geschützten Raum geübt werden könne, was gerade für schüchterne Kinder eine Erleichterung sei. Das in ihrer Schule verwendete datenschutzkonforme KI-Tool von Fobizz kann Laube-Stoll für häusliche Übungen bereitstellen.
Großes Potential sieht sie in adaptiven Lernprogrammen, die individuell fördern und Diagnosen ermöglichen – für ihren Unterricht hat sie aber noch kein überzeugendes Programm gefunden. Sie mahnt allerdings auch, man dürfe nicht zu stark individualisieren und technisieren, sondern müsse das Gleichgewicht wahren. Offene Unterrichtsformen liegen ihr am Herzen, sehr stark gesteuertes Lernen sieht sie deshalb skeptisch.
Laube-Stoll fragt sich, ob man im KI-Zeitalter noch lernen muss, eine Fremdsprache perfekt zu schreiben. „Oder schreibt man irgendwann nur noch mit Hilfsmitteln?“ Solche Fragen werden sich immer dringender stellen – welche Kompetenzen es künftig braucht, welche verloren gehen und wie bedauerlich das ist.
Habe in einer iPad-Klasse die Lehrkraft nicht im Blick, ob die Schüler die ganze Zeit KI-Tools nutzen, dann sei „Deskilling“ eine reale Gefahr, sagt Laube-Stoll. Sie erklärt ihnen hingegen, warum es wichtig ist, eine Fremdsprache ohne Hilfsmittel zu beherrschen: „Der Kern des Fremdsprachenunterrichts ist, sich mit Menschen anderer Kulturen direkt austauschen zu können.“ In Zeiten der Globalisierung sei Verständnis für das Fremde essenziell. Laube-Stoll macht gute Erfahrungen: „Erkennt man an, dass die Jugendlichen die Experten für ihr eigenes Lernen sind, nutzen sie die KI verantwortungsvoll.“
Für eine lernförderliche KI-Strategie müsse die ganze Schule zusammenarbeiten und den Schulträger einbeziehen. Das Tempo an deutschen Schulen sei jedoch zu langsam. „In der Lehrkräfteausbildung spielt KI noch zu wenig eine Rolle.“ Lehrkräfte, die anfangen wollten, sollten sich Gleichgesinnte suchen, gemeinsam Unterricht planen, Fortbildungen besuchen und Tools ausprobieren – natürlich zusammen mit den Schülerinnen und Schülern.
Kinder sind wissbegierig und wollen lernen. Die Fröbel-Kindergärten machen sich die Neugier zunutze, ohne die Kita zu verschulen. Ein Besuch.
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Abiturienten aus Neukölln haben eine Podcastserie zum Nahostkonflikt gemacht, die sich sehen lassen kann. Mit ihren Gesprächen haben die Schüler Auswege aus Polarisierung und Vereinfachung gefunden.
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Exilwissenschaftler erforschen in Bayern die systemische Indoktrination in Russlands Bildungssystem, die immer ausgeklügeltere Formen annimmt. Intellektueller Widerstand kann sich nur noch auf Umwegen artikulieren.
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