Kinder sind wissbegierig und wollen lernen. Die Fröbel-Kindergärten machen sich die Neugier zunutze, ohne die Kita zu verschulen. Ein Besuch.
An diesem Morgen will Selina Läutzins in der Berliner Fröbel-Kita Augustastraße die Sprachentwicklung eines kleinen, ein Jahr und elf Monate alten Mädchens untersuchen. Es wächst zu Hause zweisprachig auf. Anhand eines digitalen Erhebungsbogens auf ihrem Tablet erfasst sie verschiedene Faktoren. Die Erzieherin beobachtet die Mundstellung des Kindes. Der Mund ist meist noch offen, mit der Artikulation hat es noch einige Schwierigkeiten, kann noch kein S und kein Sch sprechen, auch das R gelingt noch nicht. Das ist aber altersgemäß normal.
Die Erzieherin kennt das Kind seit einem Jahr und weiß, dass es wichtige Körperteile kennt und benennen kann, dass es viel in Zwei-Wort-Sätzen redet und singt. Offenbar beschäftigt sich die Kleine auch gern selbständig. Erst steht sie vor einem Ständer mit Bilderbüchern. Dann geht sie zum Spielzeugherd und beginnt zu kochen. Sie rührt in einem kleinen Topf, bis einer der Jungen der Gruppe kommt und versucht, ihr Kochlöffel und Küchenutensilien wegzunehmen. Sie sagt Nein, schreit aber nicht, sondern setzt sich durch, entreißt dem Jungen alle Löffel und Kellen und kommt mit einem Arm voll Besteck und dem Topf mit einem triumphierenden Lächeln zur Erzieherin, der sie all das Kochgeschirr zu Füßen legt. Erste Ich-Sätze versucht sie, wechselt aber noch vom Sprechen in der dritten Person und der Ich-Form.
Die Fachkräfte selbst versuchen, nicht die Babysprache in der dritten Person zu benutzen und auch die Eltern davon abzubringen, von sich oder den Kindern in der dritten Person zu sprechen. Geräusche kann die Kleine mühelos zuordnen, sie erkennt, aus welcher Richtung sie kommen.
Das Mädchen macht einen fröhlichen Eindruck, kann Fragen beantworten und auch die Stimme verändern und sie heben, wenn sie selbst eine Frage formuliert. Sie verwendet Verben und setzt sie in die richtige Reihenfolge, versucht Vergangenheitsformen wie „aufgeesst“ zu bilden, die sprachlich noch nicht korrekt sind, aber der sprachlichen Entwicklung in dieser Altersgruppe entsprechen. Piktogramme erkennt sie noch nicht. Sie kann aber mit einem Bilderbuch umgehen und die Seiten umblättern. Anders als in der vor Kurzem veröffentlichten TALIS-Studie der OECD, die Deutschland eine geringe Benutzung von Bilderbüchern und wenig Vorlesezeit im frühkindlichen Bereich bescheinigt, spielen Bücher in der Augustastraße eine große Rolle. Sie können sogar ausgeliehen und mit nach Hause genommen werden.
Längst nicht alle Kinder unter drei Jahren begeistern sich für Bilderbücher, aber auch dafür hat die Kita einen Ausweg gefunden: Sie benutzt ein sogenanntes Vorlesetheater. Es besteht aus einem Holzrahmen mit zwei Klapptüren, in den große Bilder ohne Text gelegt werden. Nur für die hinter dem Rahmen sitzende Erzieherin ist der Text sichtbar. Einige der Bilderbuchmuffel unter den Kindern lassen sich nur so gewinnen. Das aus buddhistischen Traditionen Japans stammende Theater kombiniert visuelle Reize mit einer mündlichen Erzählung, die das Zuhören erleichtert und die Phantasie fördert. Die Fachkräfte kennen die Interessen der Kinder und beobachten die Sprachentwicklung täglich.
Am Ende ist die Erzieherin selbst überrascht, wie groß die Fortschritte der Kleinen im Vergleich zur vergangenen Sprachstanderhebung im Juli sind. Die Erzieherin fühlt sich dadurch entlastet und erhält zuverlässige Daten für die Sprachentwicklung jedes Kindes. „Das Kind darf sich nicht unwohl fühlen und in eine Testsituation geraten, sondern wird nebenbei im Alltag beobachtet“, sagt Läutzins. Getestet werden auditive Wahrnehmung, Mundmotorik, Tastsinn, Durchhaltevermögen auch bei Frustrationen, Sprachverständnis, Semantik und Wortvielfalt und Phonetik/Phonologie. Im Fröbel-Kindergarten in der Augustastraße in Berlin-Lichterfelde arbeiten die Fachkräfte seit November vergangenen Jahres mit dem digitalen Tool BaSiK (Begleitende alltagsintegrierte Sprachentwicklungsbeobachtung in Kindertageseinrichtungen), das eine Diagnostik der Sprachentwicklung vom ersten bis zum sechsten Lebensjahr ermöglicht.
Die unter Dreijährigen werden zweimal im Jahr getestet, die etwas älteren Kinder einmal im Jahr. Alle Fachkräfte sind fortgebildet, besprechen ihre Beobachtungen im Team und verständigen sich auch über daraus folgende Förderschritte. Die 160 Kitakinder werden so vom ersten Tag ihrer Betreuung bis zum Schuleintritt intensiv beobachtet und gefördert. Dafür hat die Kita 24 Fachkräfte zur Verfügung, von denen acht selbst einen Migrationshintergrund besitzen. Sie singen mit den Kindern auch in anderen Sprachen. Die Kinder kommen aus über vierzig Nationen, viele aus gutbürgerlichen Familien, einige aber auch aus armutsgefährdeten sozial schwachen Familien. Die Zusammenarbeit mit den Eltern ist eng, es finden regelmäßige Gespräche über die Entwicklung der Kinder statt, die Elternabende werden von fast allen Erziehungsberechtigten wahrgenommen und finden während der Kita-Zeit statt, damit die Eltern nicht durch Kinderbetreuung abgehalten werden. Morgens um 6 Uhr können die ersten Kinder abgegeben werden, was viele Eltern, die in einer nahe gelegenen Klinik arbeiten, auch nutzen. Abends um 18 Uhr müssen die letzten abgeholt werden.
Die Eltern wissen zu schätzen, was die Teams der unterschiedlichen Altersgruppen und Etagen leisten, wenn sie trotz hoher Krankenstände die Betreuung aufrechterhalten. Einmal im Jahr gibt es eine Elternbefragung, die Rückmeldungen sind außerordentlich positiv.
In der Augustastraße diskutiert man längst nicht mehr über die Notwendigkeit der Sprachförderung und die Bedeutung vorschulischer Fähigkeiten. „Es ist noch nicht bei allen angekommen, dass wir wirklich Bildungseinrichtungen sind“, sagt Gall im Blick auf die gesellschaftliche Anerkennung. Schule sei in aller Munde, wie wichtig Kindergärten seien, habe man in der Corona-Zeit gemerkt. Von freiem Spiel von morgens bis abends hält man in der Augustastraße nichts. Es müsse auch sein, aber sicher nicht von morgens bis abends, sagen die Erzieher. Auch Kinder, die ohne ein Wort Deutsch in die Kita kommen, sollen bei Schulbeginn so sichere Sprachkenntnisse haben, dass sie dem Unterricht folgen können. Die Fröbel-Einrichtungen haben dafür ein eigenes Curriculum, verpflichtende Fortbildungen und eine stetige Beobachtung der Interaktion zwischen Kindern und Fachkräften. In jeder der etwa 250 Kitas wird der Sprachstand digital erfasst und altersnormiert ausgewertet. Die Erhebungen dauern für geübte Fachkräfte etwa eine halbe Stunde, die Auswertungen liegen in wenigen Minuten vor.
Die Kitas brauchen einen WLAN-Anschluss und digitale Endgeräte für alle Fachkräfte, sowie eine datenschutzkonforme Softwarelösung. Eine stetige technische Unterstützung ist darüber hinaus vonnöten. Während sich andere Träger ihrer Aufgabe als Bildungsinstitution verweigern, hat der Geschäftsführer der Fröbel Bildung und Erziehung gemeinnützige GmbH, Stefan Spieker, aus den desolaten Ergebnissen der Schuleingangsuntersuchungen klare Schlüsse gezogen und sie auch in einem Policy Paper für eine datengestützte Sprachbildung in Kitas festgehalten.
Spieker hat längst erkannt, dass die fehlende Vergleichbarkeit durch eine Vielzahl von Erhebungsverfahren in den 16 Bundesländern valide Aussagen über die Sprachkompetenzen von Kindern über Regionen und Zeitläufe hinweg erschwert. Ohne einheitliche Daten und Schwellenwerte ist aber eine bedarfsgerechte Steuerung von Personal, Finanzen und Fachberatung nicht möglich. Den alltagsintegrierten Beobachtungsverfahren gibt der Träger den Vorzug vor umstrittenen Screenings vor allem bei kleinen Kindern. In der Kita in der Augustastraße sind sich die Fachkräfte darüber einig, dass die Sprachbeobachtung spätestens mit zwei Jahren ansetzen muss. Die in vielen Ländern übliche Erhebung im Alter von vier Jahren hält man dort für viel zu spät.
In Berlin-Lichterfelde hat sich das Team ausgezeichnete Bedingungen geschaffen: Einmal in der Woche kommt eine Logopädin, die einzeln mit Kindern arbeitet, die gezielt gefördert werden müssen. Die Kinder dürfen bei einem Termin einen Freund oder eine Freundin mitbringen, worauf sie stolz sind.
Einmal in der Woche kommt ein Sportlehrer in die Kita und leitet Koordinatives Kinderturnen an. Die Fachkräfte sind dabei und lernen selbst dazu. Bei den Älteren sitzt oft eine Fachkraft mit einem Tablet dabei und beobachtet die Kinder. Die Fachkräfte selbst bieten Kinder-Yoga an. Hinter der Kita befindet sich ein großes Areal mit einem besonders schönen Themen-Spielplatz mit viel Holz und Möglichkeiten zum Austoben.
Mit zwei der umliegenden Grundschulen gibt es außerdem eine enge Zusammenarbeit. Einmal im Monat kommen zwei Lehrerinnen in die Kita und arbeiten auf spielerische Weise mit den Kindern. Sie haben mit den älteren Kindern eine Geschichte geschrieben, die dann zum Zuckertütenfest den Eltern vorgetragen wurde.
Gall hat gemeinsam mit einer Grundschullehrerin aufgeschrieben, was schulreife Kinder beherrschen müssen: An- und Ausziehen, allein zur Toilette gehen, Hilfe holen, einen Stift halten, Zahlen bis zehn beherrschen, vielleicht schon den eigenen Namen schreiben können. „Wenn man die Ziele kennt, kann man all das hervorragend in den Alltag einbauen“, sagt sie. „Es ist unsere Aufgabe, alle Kinder gleich gut auf die Schule vorzubereiten, auch wenn das in den Familien nicht überall gelingt“, ergänzt Läutzins.
Die Kita-Leitung ist davon überzeugt, dass Kinder Impulse brauchen, weil sie so wissbegierig sind. Häufig, so berichtet Gall, finden Teammitglieder Tänze, Lieder oder andere Anregungen im Internet und probieren sie dann zunächst mit dem Team aus. Dann fließe manches auch in den Kita-Alltag ein. Fotos und Videos der Kinder, die sich auf dem Tablet finden, bieten viele anregende Sprachanlässe. Die Kinder freuen sich besonders, wenn sie sich selbst erkennen.
Aber auch für Elterngespräche sind Videoaufzeichnungen hilfreich. So können Eltern eher die Beobachtungen des Erzieherteams nachvollziehen. Alle Fachkräfte wissen, dass sie notfalls Übersetzer für Elterngespräche anfordern können und auf ein großes Netz von professionellen Beratern zurückgreifen können. Vor allem aber haben Eltern und Erzieher ein gemeinsames Ziel: Kinder sprachlich so zu befähigen, dass sie den Übergang in die Schule meistern und sich als selbständig erfahren können.