Israel Palestine Podcast

„Niemals vereinfachen, was komplex ist“

Christian Meier

„Niemals vereinfachen, was komplex ist“

Abiturienten aus Neukölln haben eine Podcastserie zum Nahostkonflikt gemacht, die sich sehen lassen kann. Mit ihren Gesprächen haben die Schüler Auswege aus Polarisierung und Vereinfachung gefunden.

Die Polarisierung, die der Nahostkonflikt andernorts hervorruft, ist enorm. Auch in Deutschland scheinen die Gräben immer tiefer zu werden. Die Bereitschaft, gegensätzliche Positionen auszuhalten oder auch nur anzuhören, ist fast schon eine Seltenheit. Genau diesen Brückenschlag versucht jetzt ein Podcastprojekt. Es kommt aus einer Richtung, aus der man das vielleicht am wenigsten erwartet hätte: von einer Gruppe von Abiturienten aus Berlin-Neukölln.

Die ersten Folgen des „Israel Palestine Podcast“ sind nun verfügbar. Insgesamt sollen es 51 Folgen werden, der Großteil lag der F.A.Z. vorab vor. Die fünf Jugendlichen befragen darin Fachleute aus verschiedenen Ländern zu historischen, rechtlichen, psychologischen und weiteren Aspekten des israelisch-palästinensischen Konflikts. Die Interviewer geben ihren Gästen Raum, ihr Wissen oder ihre Sichtweisen ausführlich darzulegen.

Das ist ein recht einfacher Ansatz. Das Ergebnis aber ist erstaunlich. Denn den Machern ist es gelungen, renommierte Wissenschaftler vors Mikrofon zu holen, von denen manche zu den führenden Vertretern ihres Fachs gehören. Von dem Historiker Michael Brenner über den Philosophen Omri ­Boehm bis zu dem Holocaustforscher Omer Bartov stehen namhafte Forscher bereitwillig Rede und Antwort. Manche sind umstritten, aber das ist Folge der Polarisierung und gehört insofern zum Konzept: Meinungsvielfalt abzubilden, damit die Hörer sich ein eigenes Urteil bilden können.

Die Folgen, teils auf Deutsch, teils auf Englisch, kamen in monatelanger Arbeit zusammen – ein Mammutprojekt, das in seiner Breite und Tiefe, vor allem aber in seiner Vielschichtigkeit seinesgleichen suchen dürfte. Der vielleicht verblüffendste Aspekt ist aber, dass die fünf Jugendlichen – Alexandria, Efe, Yusuf, Philip und Mert – den Podcast konzipierten und umzusetzen begannen, während sie ihr Abitur machten. Die technische Ausstattung war minimal, finanzielle Unterstützung erhielten sie erst am Ende für die Nachbearbeitung.

Rückblickend wirken die jungen Erwachsenen selbst etwas überrascht über all das. „Es ist viel größer geworden, als wir erwartet hatten“, sagt Yusuf, als wir vier der fünf Macher in Berlin zum Gespräch treffen. Gleichwohl herrscht unter ihnen Einigkeit, dass es die richtige Entscheidung war, auch wenn die Abiturnoten davon vielleicht nicht profitierten. „Meinen Horizont zu erweitern, ist für mich viel wichtiger als eine Note, an die man sich nach zehn Jahren nicht mehr erinnern kann“, sagt Efe.

Den Anstoß gab das „Berliner Oberstufenforum“, ein Projekt der Katholischen Akademie Berlin mit Vorträgen für Schüler zu philosophischen, theologischen und ethischen Fragen. Im Januar 2025 traten dort Vertreter von „Parents Circle – Families Forum“ auf, einer Gruppe von Israelis und Palästinensern, die Angehörige im Konflikt verloren haben und sich für Frieden und Versöhnung einsetzen. Das Interesse am Thema, das einige Schüler des Abschlussjahrgangs der Neuköllner Walter-Gropius-Schule ohnehin hatten, wuchs dadurch noch. Lehrkräfte bestärkten sie in der Idee, selbst etwas auf die Beine zu stellen; ein Pädagoge begleitete das Projekt, das außerhalb des Schulunterrichts vorangetrieben wurde.

Die Jugendlichen beschlossen, dass ein Podcast das geeignete Medium sei, sich dem Thema von mehreren Seiten zu nähern. Sie hatten auch eine Podiumsdiskussion erwogen, aber den Schülern war sehr bewusst, wo sie leben: in Neukölln, einem multikulturellen Stadtteil, der als problematisch gilt, gerade mit Blick auf muslimisch-jüdisches Zusammenleben. Dort ein offenes Gespräch zum israelisch-palästinensischen Konflikt abzuhalten, „hätte eventuell zu Schwierigkeiten geführt“, sagt Yusuf, und Philip ergänzt, das Umfeld hätte vielleicht auch „abschreckend gewirkt auf potentielle Gäste“. Auch sonst stand den Schülern nicht jede Tür offen. Manche Einrichtungen hatten Bedenken, über eine Verbindung mit dem Projekt mit bestimmten Gesprächspartnern assoziiert zu werden – ein Zeichen dafür, wie aufgeladen die Debatte ist.

Die Jugendlichen ließen sich davon zum Glück nicht beirren. In der Anmoderation jeder Folge weisen sie jetzt darauf hin, dass der Podcast aus Neukölln kommt, wo die größte palästinensische Diaspora Deutschlands beheimatet sei, aber auch viele junge Israelis lebten. „Israel und Palästina sind in unserem Bezirk und in unseren Schulen schmerzlich präsent“, heben sie hervor. Ihre Antwort lautet, sich dem Thema „multiperspektivisch“ zu nähern. Darunter verstehen sie, Gegensätze und Widersprüche nicht ausblenden oder auflösen zu wollen, sondern bewusst wahrzunehmen. „Können wir lernen, zuzuhören und unterschiedliche Wahrheiten gleichzeitig auszuhalten?“, fragen die Jugendlichen provokativ. Das bedeute nicht Beliebigkeit, betonen sie: Menschenrechte und das Völkerrecht seien die Grundlage jeder verantwortungsvollen Beschäftigung mit dem Thema. Das beeinflusste auch die Auswahl der Gesprächspartner.

An den Anfang haben sie bewusst mehrere Folgen gestellt, in denen die menschliche Dimension des Konflikts verdeutlicht wird: Der Israeli Udi Goren spricht über die Geiseln der Hamas, der Palästinenser Khalil Sayegh über den Gazakrieg. Die Publizisten Michel Friedman und Alena Jabarine schildern jüdische und palästinensische Erfahrungen in Deutschland seit dem 7. Oktober. Daran schließen sich thematische Blöcke an: zur Geschichte des Konflikts, zu Antisemitismus und Rassismus, zu politischen, rechtlichen und psychologischen Fragen und zu Herausforderungen für die Bildungsarbeit.

Vieles ergab sich aus der Arbeit heraus. Efe spricht von einer „Kettenreaktion“: Die ersten Interviews führten zu neuen Fragen und neuen Ideen; Gesprächspartner empfahlen weitere Experten. Gleichzeitig wurde den Jugendlichen klar, dass man weit zurückgehen muss, um den Konflikt wirklich zu verstehen. Die Vorgeschichte des aktuellen Konfliktgeschehens nimmt daher mit 16 Folgen den größten Teil ein. Es ist eine Schatztruhe historischen Wissens, die da geöffnet wird. Es gibt Überblicksfolgen und Gespräche zu Spezialthemen, etwa mit Oren Kessler zu dem lange Zeit wenig beachteten „Arabischen Aufstand“ von 1936 bis 1939. Manche Folgen sollen kollektive Prägungen und Narrative von innen heraus sichtbar machen; andere setzen auf analytische Distanz.

Viele Gesprächspartner zeigen sich regelrecht begeistert von den jungen Berlinern, die so viel Offenheit und Interesse an den Tag legen. Die Jugendlichen begegnen ihnen mit großem Respekt. Manchmal wünschte man ihnen mehr Mut, wirklich ins Gespräch einzusteigen. Stattdessen bescheiden sie sich meist mit der Rolle der Stichwortgeber. Ihre Fragen sind in der Regel einfach, aber präzise – was zeigt, wie gut sie sich vorbereitet haben. Oft werden unterschiedlichen Personen auch dieselben Fragen gestellt, etwa was „Siedlerkolonialismus“ sei. Die Antworten zu vergleichen, ist erhellend.

Dass viele Hörer nicht mit allem einverstanden sein werden, was gesagt wird, liegt in der Natur der Sache – etwa wenn manche Interviewten von einem „Genozid“ im Gazastreifen sprechen. In manchen Fällen kontextualisieren die Macher Äußerungen in den Erläuterungen, die den Folgen beigegeben sind. Gerade die Unterschiedlichkeit der Sichtweisen macht den Podcast aber so wertvoll – weit über den anvisierten Bildungssektor hinaus. Und manche Gespräche sind herausragend. Etwa die beiden Folgen, die die Macher „Ankerepisoden“ nennen, weil sie besonders wichtige und umstrittene Fragen behandeln. Die Berliner Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer ordnet mit der für sie typischen Genauigkeit und Abgewogenheit historische Kontroversen ein. Der Kölner Jurist Claus Kreß wiederum erläutert mit beeindruckender Klarheit die zentralen völkerrechtlichen Aspekte des Konflikts.

Kreß ist es auch, der am Ende emphatisch an „die Jugend“ appelliert, dafür zu kämpfen, dass internationale Rechtsnormen nicht unter die Räder von Machtpolitik geraten. Den fünf jungen Berlinern muss man das nicht sagen. Mit Blick auf gesellschaftliche Debatten äußern sie den Wunsch, dass „niemals vereinfacht wird, was komplex ist – und niemals verkompliziert, was einfach ist“. Darin scheint eine Reife auf, die man bei Politikern und Kommentatoren in diesen Tagen manchmal vergeblich sucht.

Der „Israel Palestine Podcast“ ist auf Spotify, Apple Podcasts und Youtube verfügbar sowie auf der Website der Katholischen Akademie Berlin (www.katholische-akademie-berlin.de).

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