Die kauflustige Helaba
Kaufgelegenheiten auf dem deutschen Bankenmarkt gibt es reichlich. Doch die großen deutschen Kreditinstitute Deutsche Bank und Commerzbank lassen anderen den Vortritt. Mutlos oder konsequent?
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Aktienresearch
Aus Warburg Research wird MPCM. Dahinter steckt mit Ebrahim Attarzadeh ein bekannter Kopf. Er will Aktienanalysen für kleine und mittlere deutsche Unternehmen etablieren.
Die von einem Cum-Ex-Steuerskandal gebeutelte Hamburger Bank M.M. Warburg hat in den vergangenen Jahren einige Tochtergesellschaften verkauft: Die Fondsgesellschaft Warburg Invest ging an den Vermögensverwalter Bantleon, Warburgs Anteil von 60 Prozent an der konzerneigenen Hypothekengesellschaft kaufte die München Hyp, beide Transaktionen erfolgten im Jahr 2023. Frischer ist der Verkauf von Warburg Research an MPCM im Jahr 2026. Das Kürzel steht für die Hamburger Kapitalmarktboutique Münchmeyer, Petersen & Co. und sollte man sich als Anleger am Aktienmarkt merken. Denn im Oktober 2026 ist die Marke Warburg Research endgültig verschwunden– mit Ausnahme des nach wie vor in der Bank M.M. Warburg angesiedelten Makro-Researchs rund um Chefvolkswirt Carsten Klude und Chefanlagestratege Christian Jasperneite.
Die früheren Warburg-Aktienanalysten dagegen treten jetzt unter der Marke ihres neuen Eigentümers auf. MPCM wird von einem in der Branche ebenfalls wohlbekannten Namen geführt: Ebrahim Attarzadeh, den viele in Frankfurt nur „Ebbi“ nennen. Der 1977 geborene Attarzadeh floh als Kind mit seiner Familie aus Iran, wuchs in Sundern (Hochsauerlandkreis) auf und hat eine bemerkenswerte Karriere hingelegt. Diese begann er bei der Deutschen Bank und führte sie von 2006 an bei Mainfirst weiter, eine auch stark in der Aktienanalyse tätige Investmentbank und Fondsgesellschaft, deren Bankgeschäft 2019 an Stifel ging (inzwischen in Deutschland eingestellt) und deren Fondsgeschäft heute teilweise noch von Ethenea und Laiqon weitergeführt wird.
Der seit fünfzehn Jahren in der Schweiz lebende Attarzadeh stieg 2022 bei Mainfirst/Stifel aus, nahm einige Aufsichtsratsmandate (unter anderem bei Bilfinger) an und gönnte sich etwas mehr Zeit für die Familie. Jetzt ist er zurück und sucht mit MPCM bewusst die Nische: „Wir glauben an Deutschland und den deutschen Mittelstand. Wir haben hier eine herausragende Industriebasis mit vielen Hidden Champions“, sagt Attarzadeh. Tatsächlich sind viele deutsche Mittelständler exportstark und innovativ, aber es fehlt ihnen oft an Zugang zu Kapital für ihr Wachstum. Im Gespräch mit der F.A.Z. umreißt Attarzadeh sein Ziel: „Wir wollen mit unserem Research die deutschen Hidden Champions für Anleger sichtbar machen.“
Dabei geht es Attarzadeh in erster Linie um schon börsennotierte Unternehmen. Aktienresearch und Aktienhandel hält er, obwohl kaum sich selbst tragend, für eine „Firmenkundenbank“, wie es MPCM sein will, für unverzichtbar, um für die besonders lukrative Kapitalmarktberatung gefragt zu werden. Um also Unternehmen bei der Kapitalaufnahme mit Aktien (Eigenkapitalerhöhung) oder Anleihen (Fremdkapitalemission) als Berater zu begleiten. Dabei denkt Attarzadeh auch an Mittelständler, die noch nicht an der Börse sind und ein „Nachfolgeproblem“ zu lösen haben. „Die nächste Generation tut sich oft erkennbar schwer, das Familienunternehmen weiterzuführen. Wir wollen nicht, dass gute deutsche Unternehmen in die USA verkauft werden, weil sich hierzulande keine Nachfolge in der Unternehmensführung findet“, sagt Attarzadeh. Um ein Unternehmen kapitalstark für die Zukunft aufzustellen, sei die Börse als Möglichkeit der Kapitalaufnahme wichtig. „Wir wollen, dass sich mehr deutsche Unternehmen dem Kapitalmarkt öffnen, damit wir sie im Lande halten können“, sagt er.
Allerdings stehen nicht nur Unternehmen vor Nachfolgeproblemen, sondern auch die Branche der Broker und Analysehäuser vor Herausforderungen. Viele haben in den vergangenen Jahren ihr Research eingestellt. Und auch Mainfirst, das 2001 von Patrick Bettscheider gegründet wurde, hat in weiten Teilen nicht überlebt. „Früher war die Kostenbasis für ein sich selbst tragendes Research oft zu hoch“, sagt Attarzadeh. „Heute können wir MPCM auch dank Investitionen in Technologie und KI viel effizienter aufstellen, sodass unsere Analysten kaum noch mit Datensammeln beschäftigt sind und mehr Zeit für Gespräche mit Unternehmensvorständen haben. Auf diese Weise gewinnt Research an Qualität, und das ist das A und O für Investoren.“
MPCM spezialisiere sich mit seinen zehn Aktienanalysten auf Unternehmen des S-Dax bis zum Dax, idealerweise auf Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung von 250 Millionen bis einer Milliarde Euro. „Da liegt unser Fokus“, sagt Attarzadeh. Auf Nachfrage aber stellt der Vorstandsvorsitzende klar. „Wir analysieren auch Unternehmen mit nur 80 Millionen Euro Marktkapitalisierung, wenn wir sie sehr gut finden, also viel Potential sehen, sowohl für Anleger als auch für uns mit Blick auf künftig anstehende Transaktionen wie Kapitalerhöhungen und Anleiheemissionen, bei denen wir dann beraten wollen.“
Bis zum Jahresende will MPCM etwa 200 deutsche Unternehmen regelmäßig analysieren. Damit reiht sich das neue Analysehaus ein unter die wenigen übrig gebliebenen Häuser, die Fondsmanagern gegen Bezahlung noch Research anbieten. Einen ähnlichen Deutschland-Fokus haben wohl noch am ehesten das Bankhaus Metzler und die Baader Bank.
Dagegen haben das Bankhaus Berenberg, Kepler und Oddo BHF eher einen europaweiten Ansatz. Oddo BHF etwa beschäftigt in Deutschland zehn Analysten, also ähnlich viele wie MPCM. In der gesamten deutsch-französisch-schweizerischen Bankengruppe sind es immerhin etwa 80, die nach Angaben von Oddo BHF 900 Aktien analysieren.
Seit die Commerzbank im Jahr 2021 unter ihrem damals neuen Vorstandsvorsitzenden Manfred Knof das Research zur Disposition stellte, arbeiten Oddo BHF und Commerzbank zusammen. Die Commerzbank will für ihre Firmenkunden erster Ansprechpartner bleiben und sie bei Börsengängen, Kapitalerhöhungen und weiteren Equity-Capital-Markets-Transaktionen begleiten. Oddo BHF aber hat als exklusiver Partner das Equity Brokerage übernommen und stellt das institutionelle Aktienresearch bereit. Zuvor hatte schon 2019 die Deutsche Bank ihren globalen Aktienhandel weitgehend eingestellt. Darüber hinaus sind weitere Anbieter von Research aus dem Markt ausgeschieden, etwa HSBC Trinkaus und eben Mainfirst. Das hat dazu geführt, dass viele deutsche Unternehmen kaum von mehr als drei Analysehäusern regelmäßig unter die Lupe genommen werden.
Die Gründe für den Niedergang des Researchs sind vielfältig. Die abnehmende Konkurrenz aber war vermutlich der Qualität vieler Analysen nicht zuträglich. 2018 wurde MiFID II eingeführt. Diese Richtlinie war dazu gedacht, ein „neutrales“ Research zu fördern und die Praxis zu stoppen, dass Analysen oft nur als „Beiprodukt“ zu anderen Wertpapierdienstleistungen wie Börsengängen dienten. Seit 2018 müssen Fondsmanager nun für Research extra bezahlen. Dazu sind Fondsmanager nur bereit, wenn sie darin wertvolle Informationen über einzelne Unternehmen finden, sodass sie mit gezielten Käufen und Verkäufen von Aktien „Alpha“ schaffen können, also eine bessere Entwicklung als ihren Vergleichsmaßstab (Benchmark). Diese Zielgruppe für Research aber wird kleiner, denn aktive Fondsmanager verlieren an Bedeutung gegenüber Indexfonds, die gar keine Outperformance erzielen wollen.
Attarzadeh hält das alles für keine gute Entwicklung. Mit seinem Unternehmen MPCM will er für qualitativ hochwertiges Research stehen, mit Analysten, die dank miteinander vernetzter IT-Systeme seltener als früher Daten sammeln müssen und stattdessen auf sogenannten Roadshows nah an den Unternehmensvorständen dran sind, um für Anleger wertvolle Informationen zu sammeln.
Die MiFID-Novelle aus dem Sommer 2026, die den Verkauf von Research wieder im Bündel mit anderen Dienstleistungen zulässt, könnte eine Chance sein. Nach dem Gang durchs Eingangstor in Unternehmen mithilfe von Research hofft Attarzadeh, dass MPCM am Ende auch den einen oder anderen Börsengang in Deutschland wird begleiten können. Zwar liegen schon gute Jahre hinter den Börsianern, aber viel des Aufschwungs war von einzelnen Branchen wie zuletzt KI getrieben. An kleinen und mittleren Unternehmen, der Zielgruppe von MPCM, ging dagegen der Börsenaufschwung großteils vorbei. Attarzadeh setzt darauf, dass sich das ändert.
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